FBM19-Tagebuch | Anreise

»Werte Fahrgäste! Auf Gleis. Sieben? Hat Einfahrt? RE! 5? Nach? Elsterwerda! Über? Neustrelitz. Oranienburg. Und? Berlin.« Ich hasse diese automatischen Bahnhofsansagen. Es ist halb neun Uhr morgens in Rostock, es weht ein laues Lüftchen bei klarem Wetter – perfekte Vorraussetzungen, um den ganzen Tag in der Bahn zu hocken. Über Berlin geht’s nach Frankfurt zur Buchmesse. Ist das Jahr echt schon wieder rum? Die FBM18 war doch gerade erst…

Ich setz mich auf einen freien Platz in einem Viererabteil und schlage die Zeitung auf. Was ich sonst nie tue, aber heute erschien ein Artikel über mich in der Ostsee-Zeitung. Ich habe mir gleich drei Ausgaben gekauft, um sie an strategisch optimal gelegenen Punkten in der Bahn liegen zu lassen – Werbung ist alles. Als ich die Kulturseite aufschlage, erschrecke ich kurz. Der Artikel ist super, aber verdammt! Warum hat mir denn nie jemand gesagt, wie alt ich mit dieser Lesebrille aussehe! Das Foto wurde vor meinem Bücherregal geschossen; ich sitze mit einem Buch im Lesesessel und grinse verschmitzt in die Kamera. Eigentlich dachte ich, dass wäre irgendwie cool, stattdessen sehe ich aus wie eine Kreuzung aus Meister Propper und Albus Dumbledore und meine vermeintliche Verschmitztheit wirkt eher grenzdebil! Du lieber Himmel, vielleicht sollte ich mir eine etwas dezentere Brille kaufen? Meine ist so ein 5-Euro-Ding aus dem Bahnhofskiosk. Ich sehe mal zu, dass ich in Frankfurt etwas Passenderes finde.

Der Zug von Rostock nach Berlin ist bei jedem Halt auf die Minute genau pünktlich; weiß gar nicht, was die Leute immer nörgeln – klappt doch alles. Als Reiselektüre habe ich mich für VERGESST UNSERE NAMEN NICHT von Simon Stranger entschieden, ein norwegischer Autor, passend zum Gastland der diesjährigen Messe. Die Kapitel orientieren sich am Alphabet: A wie Anklage, B wie Bande, C wie Cadillac. Schöne Idee, mal sehen, wie weit ich komme. (Update am Abend: F wie Familie)

Die Fahrt ist relativ ruhig, bis auf eine Horde Schulkinder, die den Zug zwischen Waren und Neustrelitz kapert. Vielleicht ’ne Klassenfahrt? Jeder zweite hat so eine tragbare Bassbox bei sich und es bumst aus allen Reihen. Ein Lehrer geht ständig den Waggon auf und ab und bittet um Ruhe, aber wenn er hinten angekommen ist, rattert es von vorn schon wieder los. Nix zu machen, aber nach einer halben Stunde sind alle wieder weg und es ist herrlich still. In Oranienburg steigt ein Vater mit seinen zwei Söhnen ein. Er spielt Quiz-Duell auf seinem iPhone und liest den beiden Jungs permanent die Fragen laut vor. Er gibt ihnen eine knappe Sekunde Zeit zu reagieren und ballert dann selbst die Antwort raus. Wenn es einer der Söhne doch mal schafft zu antworten, brüllt der Vater »Falsch!« Himmel, was für ein Druck! Die Jungs sind vielleicht zehn oder zwölf! »In welcher Sportart war David Beckham erfolgreich?« – »Tennis?« – »Falsch! Fußball! Welche Flagge ist weiß mit einem roten Kreis?« – »Gelb?« – »WAT? FALSCH! JAPAN!« … ich kann da gar nicht hinhören; die armen Jungs…

In Berlin wechsele ich in den ICE nach Frankfurt. Ich habe einen Platz in einem dieser Sechser-Abteile reserviert und reise mit vier Damen, die die komplette Fahrt über kein Wort sagen. Hier gibt’s freies WLAN und ich twittere in die Welt, dass ich auf dem Weg bin. Prompt kommt ein Tweet von Berit Glanz, die auch im Zug sitzt, nur einen Waggon weiter. Wat’n Zufall! Obwohl: Der halbe ICE scheint mit Messebesuchern besetzt zu sein. Wir verabreden uns auf einen Kaffee im Bordbistro und quatschen über ihr Buch, die Messe und die Schattenseiten des Erfolges. Liebe Grüße an dieser Stelle!

Kurz vor Frankfurt gibt’s dann doch noch eine Verspätung. Irgendwo ist ein Zug liegengeblieben, den wir nicht überholen können. Eine halbe Stunde stehen wir auf freiem Feld und warten darauf, dass es weitergeht. Man kann die Frankfurter Skyline schon sehen! Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Endlich auf dem Hauptbahnhof in Frankfurt angekommen, bin ich mit A. verabredet, einem alten Freund, mit dem ich drei Jahre lang ein Zimmer im Internat geteilt habe. Das ist schon eine halbe Ewigkeit her, das war noch im letzten Jahrhundert … verdammt! A., falls Du das hier liest: Es war mir eine große Freude, Dich nach all den Jahren wiederzusehen! Ich hoffe, es dauert nicht wieder so lange bis zum nächsten Mal…

In Frankfurt zur Messezeit ein Hotelzimmer zu bekommen, ist für Normalsterbliche schwierig und für Spätbucher nahezu aussichtslos. Ich bin auf Airbnb fündig geworden, muss dafür aber pendeln. Der Ort heißt Großkrotzenburg – klingt wie ’ne fiese Hautkrankheit, ist aber eigentlich ganz hübsch. Auf Wikipedia lese ich, das hier der Limes, der Grenzwall der Römer, von Norden her auf den Main stieß. Von hier aus bildete der Fluss dann eine natürliche Grenze Richtung Süden. Es gab vor rund 2000 Jahren ein Kastell, von dem noch Reste des Fundaments zu sehen sind. Stark! Muss ich mir mal anschauen, wenn sich etwas Zeit erübrigt. So groß ist der Ort ja nicht, da wird sich schon was ergeben. Mein Zimmer ist klein aber fein, die Gastgeber nett und zuvorkommend. Mal sehen, wie sich das so mit der Pendelei ein…pendelt – oh je, ich merke schon, mir fallen keine Wörter mehr ein. Ich hau mich jetzt ins Bett, morgen wird’s anstrengend. Gute Nacht und beste Grüße vom Mainufer…


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8 Gedanken zu “FBM19-Tagebuch | Anreise

      • Fein, mir zum Troste , denn ich hadere seit Jahren mit meiner Fernbrille und mach es wie die Monroe lieber blind als uncool 😉 macht einen zu einem sehr freundlichen Menschen denn frau grüßt lieber alle als jemanden zu übersehen. Mittlerweile setz ich das Miststück aber immer öfter auf, ist doch schön, wenn die Welt klarer ist 😉

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