Ian McEwan | LEKTIONEN

UK 2022 | 720 Seiten
OT: »Lessons«
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-07213-6

Dies war die Erinnerung eines Schlaflosen, kein Traum.

(Seite 11)

(Notiz an mich selbst: Überdenke dringend deine Haltung gegenüber Ian McEwan!)
Ich habe keine Ahnung warum, aber Ian McEwan packe ich seit Jahren in die Kategorie Landadel-Herzschmerz-Drama, dabei kenne ich nur zwei seiner Romane. DER ZEMENTGARTEN – gelesen mit Anfang zwanzig – fand ich großartig, kurz darauf dann ABBITTE, bei dem ich mich fast zu Tode gelangweilt habe. Das ist über zwanzig Jahre her und seitdem habe ich kein Buch von McEwan mehr angefasst – ein wohl sehr großes Versäumnis, wie mir nach der Lektüre seines neusten Romans LEKTIONEN langsam klar wird, denn was der englische Bestseller-Autor hier auf über siebenhundert Seiten bietet, ist Belletristik auf allerhöchstem Niveau. Genau für solche Geschichten scheint der Begriff Roman erfunden worden zu sein.

Roland Baines wächst als Kind eines britischen Militärs kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Libyen auf, bevor er für den Schulbesuch ins heimatliche England geschickt wird. Von da an begleiten wir Roland durch die Jahrzehnte bis in die heutige Zeit auf seiner Suche nach dem Glück, die ihm nie so richtig gelingen will. Er zeigt schon früh großes Talent in Musik und Literatur und ist ein sehr guter Tennisspieler, doch immer wieder werfen ihn unerwartete Erlebnisse aus der Bahn – Lektionen, die nur das Leben schreiben kann. Seine Frau Alissa lässt ihn und den gemeinsamen Sohn – ein Baby noch – sitzen, um ihrer Karriere nachzugehen. Ein lähmender Einschnitt in seine eigene Bestrebungen, und nicht der erste, der von einer Frau ausgeht: Jahre zuvor – Roland ist noch minderjährig – verführt und missbraucht ihn seine Klavierlehrerin Miss Cornell über einen langen Zeitraum hinweg. Erst Jahrzehnte später – als die Polizei auf den Fall aufmerksam wird – kann Roland klar darüber sprechen und die Vorfälle mit der Vernunft eines Erwachsenen einordnen. Wie hat ihn dieses Ereignis geprägt? Was hat diese Frau alles in ihm kaputt gemacht? Und ganz nebenbei zieht die Weltgeschichte an den Baines vorbei: Kuba-Krise, Thatcher-Ära, Elfter September, Corona-Lockdown…


Dreh- und Angelpunkt des Romans ist natürlich das Verhältnis zur Klavierlehrerin, das zeitlich gesehen gar nicht so viel Platz einnimmt, aber als Ursprung für Rolands weitere Entwicklung so wichtig ist, wie kein anderes Erlebnis. Für besondere Brisanz sorgt der Rollentausch: Bücher über Männer, die sich an Mädchen vergreifen, gibt es sehr viel häufiger als über den umgekehrten Fall. Die Ausgangslage ist hier eine ganz andere, denn von Roland – dauergeil gefangen in seinem pubertären Hormonchaos – kann durchaus angenommen werden, dass er den Missbrauch als Eroberung seinerseits ansieht. Miss Cornell ist nur zehn Jahre älter, also selbst noch jung; gut möglich, dass Roland vor seinen Jungs mit ihr prahlt. All das weiß die Lehrerin, also setzt sie ihre Druckpunkte an die richtigen Stellen, bindet den Jungen psychisch an sich und macht ihn zum Sklaven ihrer Fantasien – ein ganz klarer Missbrauch eines Minderjährigen, psychologisch ebenso stimmig erzählt wie sein weiteres Leben.

LEKTIONEN ist genau die Art von Roman, für die man die ganze Nacht wach bleibt, nur um zu wissen, wie es weiter geht. Auch neben der thematischen Ebene des Missbrauchs quillt das Buch nahezu über vor Familiendramen, politischen wie zwischenmenschlichen Konflikten aller Art und ausufernden Lebensgeschichten. Ian McEwan springt dabei munter zwischen den Zeiten, wechselt von heute über einen Traum oder eine Erinnerung zu längst vergangenen Tagen, ohne dass die Lektüre wirr oder unübersichtlich würde. Mich persönlich erinnert LEKTIONEN an die Romane von John Irving – eine Lebensgeschichte mit viel Drama im Wandel der Zeit, groß angelegt und meisterhaft geschrieben. Ein wahres Highlight in diesem Herbst.


LEKTIONEN erschien im Diogenes Verlag, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Eine kleine Bitte noch: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

3 Gedanken zu “Ian McEwan | LEKTIONEN

  1. Vielen Dank für deine Besprechung, deine Anekdote zur Einleitung. Mir ging es lange ähnlich, auch ich habe vermutlich in ähnlichem Alter “Zementgarten” zuerst gelesen, auch mich hat Abbitte bei all dem Lob zu Buch und Film überhaupt nicht gefesselt. Einzig habe ich bereits vor einigen Jahren die Wiederentdeckung McEwans gewagt und niemals bereut, zuletzt “Kindeswohl” dessen Filmadaption ebenfalls eine unbedingte Empfehlung ist und “Am Strand”. Ich freue mich sehr auf “Lektionen” zu denen ich hoffentlich bald kommen werde.

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