Raymond Queneau | STILÜBUNGEN – Eine Lesung

F 1947 | 224 Seiten
OT: »Exercices de Style«
neu übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Bibliothek Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22495-3

Letzten Dienstag gab es in Rostock eine ganz besondere Lesung. Die Andere Buchhandlung lud in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Rostock, dem Institut français und dem Institut für Romanistik zu einer Straßenbahnfahrt durch die Stadt ein. Gelesen wurde aus Raymond Queneaus grenzensprengendem Werk STILÜBUNGEN, und zwar vom preisgekrönten Übersetzter Frank Heibert höchstselbst. Doch zunächst erstmal zum …

INHALT: (Vorsicht: Spoiler!) Ein Mann fährt in einem vollbesetzten Linienbus durch Paris. Dort bemerkt er einen jungen Kerl, der sich lautstark darüber aufregt, dass er ständig von anderen Mitreisenden angerempelt wird. Wie es der Zufall will, sieht er diesen Typen zwei Stunden später in der Stadt wieder. Dort lungert dieser mit einem Freund rum, der ihm rät, einen zusätzlichen Knopf an den Mantel nähen zu lassen. (Ach du Schande! Jetzt hab ich das Ende verraten.)

FORM: Diese banale Geschichte (nach einer wahren Begebenheit übrigens) nahm Raymond Queneau (1903-1976) als Grundlage für seine Übungen, die er über die Jahrzehnte hinweg immer wieder bearbeitete und erweiterte. Am Ende wurden es über einhundertzwanzig Variationen der Anekdote in den verschiedensten Formen und Stilen – ein wilder Ritt durch die Literaturwissenschaft. Als Bericht oder Traum, als Theaterstück in drei Akten oder amtliches Schreiben, als Haiku oder mathematische Gleichung – die Möglichkeiten sind unerschöpflich. Manche Übungen sind elegant, manche sperrig, das Gesamtpaket aber hochinterssant und unübertroffen.

Den Übersetzern Frank Heibert (*1960) und Hinrich Schmidt-Henkel (*1959) ist es nun zu verdanken, dass sich die deutschsprachigen Leser an einer Neuausgabe erfreuen können, die 2016 in der Bibliothek Suhrkamp erschien und für die die beiden den hochdotierten Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW einheimsen konnten.

Der große Gewinn dieser Neuausgabe ist zunächst einmal das umfangreiche Glossar, in dem die experimentelleren Übungen erklärt werden. Was Anagramme sind oder wie ein Sonett aufgebaut ist, bekommt man ja vielleicht noch hin; bei Permutationen und Apokopen hört es (zumindest bei mir) aber schnell auf – ganz zu schweigen von Homoioteleuta. Mit dem Glossar ist es also auch uns Nichtwissenschaftlern möglich, die Texte zu verstehen und somit auch zu genießen.

Auch das Nachwort der Übersetzer ist lesenswert. Hier gehen sie nicht nur auf das Leben Queneaus und die editorische Geschichte seiner STILÜBUNGEN ein, sondern beleuchten auch die zeitgeschichtlichen Umstände, in denen sie entstanden. Im von den Nazis besetzten Frankreich galt ein solches Buch als Provokation, als Aufruf zur Normabweichung. Und auch in der DDR hatte es das Buch nicht leicht.

Queneau hatte bis zu seinem Tod viele weitere Versionen der Geschichte vorgeschlagen aber nie aufgeschrieben. In seinem Regal sammelten sich über die Jahre tausende Zusendungen mit Übungen seiner treuen Leserschaft. Dieser Tradition wollten Heibert und Schmidt-Henkel folgen und – um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen – ergänzten die Übungen um dreizehn eigene Texte.

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Rostocker Straßenbahn mit der Anzeige »Stilübungen der Weltliteratur«

DIE LESUNG: Wie schon erwähnt fand die Lesung, zur Geschichte passend, im Öffentlichen Nahverkehr statt. Es wurde eine Straßenbahn gechartert, die die Gäste anderhalb Stunden lang durch Rostock kutschierte. Da Hinrich Schmidt-Henkel krankheitsbedingt leider absagen musste, sprang kurzerhand Dr. Albrecht Buschmann ein, ebenfalls Übersetzer und derzeit Professor für spanische und französische Literaturwissenschaft an der Universität Rostock. Ihm ist es übrigens zu verdanken, dass die Neuübersetzung überhaupt erst zustande kam, da er sich vor ein paar Jahren an die Übersetzer wendete und das Projekt in die Wege leitete.

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Frank Heibert

Die Bahn war mit rund sechzig Besuchern gut gefüllt, voll verkabelt und mit Lautsprechern ausgestattet. Nach dem Startsignal (Bimmelimmelimmmmm!) und der ruckeligen Anfahrt gaben Heibert und Buschmann während der Reise quer durch die Stadt rund zwei Dutzend Übungen zum Besten. Heibert, der auch die Erklärungen und Hintergründe zu den Texten lieferte, las und sprach gekonnt wie ein Entertainer und selbst die schwierigeren Übungen, die zum Teil aus einem Kauderwelsch von Fantasiewörtern bestehen, rezitierte er so flüssig, als wäre es seine Muttersprache. Nachdem die Gäste ein paar Stationen brauchten um aufzuwärmen (wir Norddeutschen sind bekanntlich ein etwas zäheres Publikum), war das Eis jedoch gebrochen und es wurde nach jedem Vortrag gelacht und applaudiert.

FAZIT: Ein wunderbares, wertvolles Buch, eine kongeniale Übersetzung und eine Lesung, die ich so noch nie erlebt habe. Die STILÜBUNGEN lege ich jedem wärmstens ans Herz, der gerne mal abseits der ausgetretenen Pfade nach Leckerbissen sucht. Und wer die Möglichkeit hat, die Übersetzer live zu erleben, sollte sich das nicht entgehen lassen.

5 Gedanken zu “Raymond Queneau | STILÜBUNGEN – Eine Lesung

    • Gern geschehen! Die STILÜBUNGEN sind nicht nur interessant und lehrreich, sie machen auch noch einen Heidenspaß. (Meine derzeit liebsten Übungen sind die Italianismen auf Seite 101 und »Fur dee Anglander« auf Seite 102; schau mal rein und lies laut vor.) Ich wünsche Dir viel Freude damit!
      Beste Grüße vom Bookster!

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