Maryam Madjidi | DU SPRINGST, ICH FALLE

F 2017 | 222 Seiten
Aus dem Französischen von Julia Schoch
OT: »Marx et la poupée«
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05050-4

Ein Mann sitzt allein in einer Zelle.
In der einen Hand hält er einen Stein, in der anderen eine Nähnadel.
Mit der Spitze der Nadel bearbeitet er den Stein.
Er ritzt einen Namen hinein. (Seite 11)

Die kleine Maryam wächst im Iran der frühen 1980er Jahre auf. Das Land fährt seit der Revolution 1979 einen politisch harten Kurs und Maryams Eltern müssen als Oppositionelle um ihre Existenz bangen. Außerdem überschattet der Krieg mit dem Nachbarn Irak das Leben aller Iraner – eine Flucht ist unausweichlich. Das Ziel ist Paris, Frankreich als Traum eines freien Lebens. Doch Maryam mit ihren sechs Jahren hat mehr zu kämpfen als ihre Eltern. Dieses merkwürdige Land mit seiner seltsamen Sprache soll ihre neue Heimat werden? Es beginnt eine Auseinandersetzung, die viele Jahre nicht enden wird.

Maryam Madjidi wurde 1980 in Teheran geboren und verließ als Kind mit ihren Eltern den Iran Richtung Frankreich. Es ist also ihre eigene Geschichte, die sie mit DU SPRINGST, ICH FALLE niederschreibt. Dabei bleibt sie den ganzen Roman über dicht bei ihrer Hauptperson, denn es geht ihr nicht um ein politisches Statement gegen den Iran oder die gesellschaftlichen Probleme eines Flüchtlings in der westlichen Welt. Madjidis Themen sind viel persönlicher: Der Verlust von Sprache und Kultur, das Annehmen einer neuen Heimat, der innere Kampf mit dem Neubeginn.

Madjidi findet für ihre Heldin eine sehr sanfte, poetische Sprache, die bei aller Ruhe aber auch die Wildheit und den Lebenshunger des Mädchens zum Ausdruck bringt. Ihre Geschichte und den Kampf mit ihrer Identität unterteilt sie in drei Lebensphasen – Madjidi nennt sie Geburten – und zeigt damit sehr anschaulich, wie das Mädchen mit sich und ihrer Umwelt hadert. Zunächst nimmt sie Frankreich nicht als ihr Land an, weigert sich französisch zu sprechen – obwohl sie es schnell lernt – und auch die Kultur und die eigenwillige Küche sind ihr zuwider. Doch später sieht sie sich als Französin, die ihre persischen Wurzeln verteufelt. Erst eine Reise in den Iran – Mayryam ist schon erwachsen – bringt die Versöhnung mit ihrer alten Heimat.

Stilistisch zeigt sich Madjidi vielseitig: Sie erzählt von Maryam in der dritten Person und ergänzt die Anekdoten in der Ich-Form, springt in den Zeiten, schreibt manche Kapitel nur in Dialogen und flicht Gedichte und kleine Märchen in den Text ein. Diese Märchen – die stets mit Es war einmal beginnen –, wunderschön erzählt und reich an Metaphern, gehören zu den stärksten Momenten des Romans. Ein berührendes Buch von einer talentierten Schriftstellerin.


05050 Madjidi - Du springst, ich falleDU SPRINGST, ICH FALLE ist im Blumenbar Verlag erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Alle weiteren Informationen über Buch und Autor findet Ihr auf der Verlagsseite. Eine weitere Rezension lest Ihr bei Sören Heim. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

6 Gedanken zu “Maryam Madjidi | DU SPRINGST, ICH FALLE

    • Da hast Du nicht ganz unrecht, aber ich fand es gerade sehr angenehm, dass Madjidi um die politische Ebene eher einen Bogen macht und den Iran nicht als Land mit Problemen darstellt, sondern als rein persönliche Heimat ihrer Figur. Sehr gelungen, wie ich finde.
      Schöne Rezension deinerseits. Darf ich verlinken?
      Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

      Gefällt 1 Person

      • verlinken – klar
        ich sehe da aber keinen Bogen um politische Probleme. Die Flucht hat politische Gründe, noch die Art wie gefeiert wird hat solche, und das der Vater an seiner Rückkehr zerbricht liegt an der Wiederholung der Ohnmachtserfahrung eines politisch einst optimistischen Menschen.

        Gefällt 1 Person

      • Das wird alles erwähnt – muss es ja auch, um die Flucht zu begründen u. Ä. –, aber das Buch ist weit davon entfernt ein politischer Roman zu sein. Vordergründig geht es um Kultur und Maryams Suche nach Identität.

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