Douglas Coupland | GENERATION X

USA 1991 | 256 Seiten
OT: »Generation X: Tales for an Accelerated Culture«
Aus dem Englischen von Harald Riemann
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05060-3

Damals in den späten Siebzigern, als ich fünfzehn war, gab ich den letzten Penny dafür aus, in einer 747 quer über den Kontinent nach Brandon, Manitoba, tief in die kanadische Prärie zu fliegen, um Zeuge einer Totalen Sonnenfinsternis zu werden. (Seite 11)

Zu den lesenswertesten Romanreihen, die derzeit im deutschsprachigen Raum zu haben sind, gehört meines Erachtens die American-Classics-Serie des Blumenbar-Verlages. Im mittlerweile fünften Band gilt es, einen mit knapp dreißig Jahren noch relativ jungen Klassiker neu zu entdecken: Douglas Couplands GENERATION X, einen Roman, der seinerzeit nicht nur für die Literaturwelt, sondern auch für die Sozialwissenschaften einen wichtigen Beitrag leistete, und auch nach all den Jahren immer noch den Status eines Standardwerkes hält, wie es ein reines Sachbuch kaum je schafft.

Coupland (*1961) beschreibt in seinem von der L.A. Times damals als bahnbrechend titulierten Debüt das Leben dreier typischer Vertreter einer Generation, die in Friedenszeiten behütet aufgewachsen ist, über einen enormen Bildungsgrad verfügt und eigentlich keinen Grund zur Klage hat, vor lauter Langeweile aber kurz vor dem Kollaps steht. Der Ich-Erzähler Andy und seine Freunde Dag und Claire schlagen sich in Kalifornien mit Jobs durch, für die sie reichlich überqualifiziert sind – von Coupland benannte McJobs; auch ein Wort, das den Weg ins Soziologie-Fachvokabular gefunden hat –, wohnen in ärmlichen Bungalows weitab der Wohlstandssiedlungen ihrer Eltern und erzählen sich teils biografische, teils fiktive Geschichten, in die sie ihre Sehnsüchte, Philosophien und Ängste packen, um sie sich von der Seele zu reden.

Später stellt Coupland seinen drei traurigen Helden weitere Figuren zur Seite, Personen etwa gleichen Alters, die allerdings andere Wege gefunden haben, mit den Schwierigkeiten ihrer Generation fertig zu werden. Technikaffine und erfolgreiche Yuppies, stets in der Vergangenheit lebende Erzkonservative und unbekümmerte Heranwachsende, die in ihren unbegrenzten Möglichkeiten keinerlei Nachteile sehen.

Angereichert ist der ganze Roman mit knapp hundert Wortneuschöpfungen, die, enzyklopädisch erklärt und kreuz und quer im Text verstreut, die Geschichte mehr oder weniger begleiten. Dieser stilistische Kniff hebt den Roman aus der bloßen Belletristik heraus und führt ihn in einen Mischzustand aus Erzählung und Sachbuch. Hier ein paar Beispiele:

RECURVING: Einen Job verlassen, um einen anderen aufzunehmen, der zwar niedriger dotiert ist, es dafür aber ermöglicht, sich wieder einem Lernprozess zu ergeben. (Seite 39)

POOROCHONDRIA: Hypochondrie, die sich aus dem Nichvorhandensein einer Krankenversicherung herleitet. (Seite 103)

WAHLPARALYSE: Die Neigung, sich bei unbegrenzter Auswahl für nichts zu entscheiden. (Seite 191)

Bei aller Weitsicht, die Coupland vor dreißig Jahren an den Tag legte, muss man sich heute und hierzulande natürlich vor Augen halten, dass er explizit die amerikanische Jugend seiner Zeit beschrieb, die mit der entsprechenden Generation in Deutschland nur bedingt vergleichbar ist. Insbesondere der Fall der Mauer und die Folgezeit prägten die in den 1960er und 70er Jahren hier Geborenen – Ost und West – in einer Weise, die den Amerikanern abgeht.

Dennoch lassen sich viele im Buch beschriebenen Charakterzüge auch hier erkennen. Ein Wesensmerkmal, dass mir sehr oft begegnet – und sehr sauer aufstößt –, ist die Behauptung, die eigene Jugendzeit – meist vor der Wende – sei die einzige von politischer und kultureller Relevanz. Per amerikanischer Definition gehöre ich als 1978-Geborener selbst noch zur Generation X, in Deutschland zählen aber andere Maßstäbe. Meine Jugend liegt in den 90ern: Ich war zu jung, um die Wendezeit bewusst erlebt zu haben, zu alt jedoch für die (Un-)Sicherheiten, die mit dem digitalen Zeitalter nach 2000 erblühten – übrigens alles brillant beschrieben im sehr lesenswerten Sachbuch DRITTE GENERATION OST von Michael Hacker u.a.

Schlussendlich ist zu sagen, dass es bei GENERATION X einen noch jungen Klassiker wiederzuentdecken gibt, ob als Roman oder Sachbuch sei jedem selbst überlassen.


9783351050603GENERATION X ist bei Blumenbar erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autor findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

4 Gedanken zu “Douglas Coupland | GENERATION X

  1. Ich habe mal in einem Sommer Anfang der 2000er einen kleinen Coupland-Lesemarathon eingelegt. Beginnend mit „Geneation X“, das mir gut gefiel, auch wenn ich nicht alles verstanden habe. Wenn ich Deine Besprechung lese, dann denke ich, es wäre aus einer späteren Perspektive sicherlich noch einmal eine interessante Lektür,. Die anderen Bücher waren: „Life After God“, „Microsklaven“, „Shampo Planet“. So richtig erinnern kann ich mich allerdings nicht mehr. Vor ein paar Jahren hat Coupland mit „Generation A“ eine moderne Utopie veröffentlicht, die sich mit den Themen der heutigen Zeit auseinandersetzt. Nicht der große Wurf wie „X“, ich habe es aber gerne gelesen.

    Gefällt 1 Person

    • Für mich war’s der erste Roman von Coupland, obwohl mir der Titel seit den 90ern schon ein Begriff ist – lieber spät als nie. Interessanter Stil; wird wohl nicht mein letzter sein. Hab irgendwo noch JPOD rumliegen, seit Jahren ungelesen. Mal sehen, wann ich dazu komme…
      Beste Grüße von der Ostsee!

      Gefällt 1 Person

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