Marlen Hobrack | SCHRÖDINGERS GRRRL

D 2023 | 270 Seiten
Verbrecher Verlag
ISBN: 3-978-95732-549-5

Das Problem liegt im Innern, gleich hinter der Tür.

(Seite 7)

[Achtung: Der folgende Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten. Das wird aber alles von der Kunstfreiheit gedeckt.]

BOOKSTER HRO: Herzlich Willkommen zur zweiten Ausgabe meiner Sendung „Looks like Books“! [wartet höflich und verlegen den imaginären Applaus ab] Seit der ersten Folge sind ja nun tatsächlich ein paar Monate vergangen und ich werde oft gefragt, wann ich diese kleine Sendung denn nun weiterführe. Ich sage dann immer, dass das richtige Buch um die Ecke kommen muss, eine Geschichte, mit der man ein solches Konzept sauber durchziehen kann. Und ich denke, diese Voraussetzung hat sich nun erfüllt.
Mein heutiger Gast hat eine Erfolgsgeschichte hingelegt, die so nur alle paar Jahrzehnte vorkommt: Aus dem Nichts in die Bestsellerlisten, überhäuft mit Literaturpreisen und alles ohne jegliche literarische Ausbildung. Begrüßt mit mir: Mara Wolf! [lang anhaltender imaginärer Applaus]

MARA WOLF: Dankeschön! Vielen Dank!

BOOKSTER HRO: Mara, wie schön, dass Du da bist!

MARA WOLF: Ja, ich freu mich auch mega. Bin aber auch ein bisschen aufgeregt.

BOOKSTER HRO: Ist das Dein erstes Interview?

MARA WOLF: Ja, sonst immer nur Lesungen.

BOOKSTER HRO: Richtig, mit Deinem Buch, mit dem Du alle in großes Erstaunen versetzt hast.

MARA WOLF: Das kann man wohl sagen… [wird rot]

BOOKSTER HRO: Lass mich Dich kurz näher vorstellen. Du bist 24 Jahre alt…

MARA WOLF: Mittlerweile 25.

BOOKSTER HRO: Oh, herzlichen Glückwunsch nachträglich! Du bist in Dresden aufgewachsen und hast die Schule mit 15 Jahren ohne Abschluss verlassen. Du hast keinerlei Ausbildung und vor der Veröffentlichung Deines Debütromans hast Du bei Deiner Mutter von Hartz IV gelebt.

MARA WOLF: Das ist soweit korrekt, ja.

BOOKSTER HRO: Und bei dieser Vorgeschichte kommst Du mit einem Roman um die Ecke, der als literarische Sensation gefeiert wird. Das Publikum liebt Dich, die Kritik dreht durch vor Bewunderung. Das Buch geht weg wie warme Semmeln, eine Auflage nach der anderen ist ausverkauft. Und alles nur, weil ein – Verzeihung! – Mädchen von der Straße schreibt, was ihr durch den Kopf geht. Wie erklärst Du Dir diesen Erfolg?

MARA WOLF: Ja, so richtig fassen kann ich das auch noch nicht. Ich denke, es war einfach das richtige Buch zur richtigen Zeit.

BOOKSTER HRO: Nein, nein, nein. So einfach ist das nicht zu erklären, fürchte ich. Das Feuilleton ist sich einig, dass Dein Text von einer Raffinesse zeugt, die niemand mal so eben im stillen Kämmerlein zu Papier bringt, besonders niemand mit Deinem Background.

MARA WOLF: Tja, was soll ich sagen? Ist aber so. Ich habe einfach aufgeschrieben, was mir durch den Kopf ging. Ob das auf irgendeine Art raffiniert ist, kann ich nicht bewerten, das überlasse ich den ganzen Rezensenten und Bloggis da draußen.

BOOKSTER HRO: Moment, Moment! Ich bin auch der Meinung, dass Dein Text sehr viel reifer ist, als man es von einer Mittzwanzigerin erwarten dürfte…

MARA WOLF: Mit Mitte zwanzig ist man ja nicht mehr unreif. [verdreht die Augen]

BOOKSTER HRO: Nein, aber Du benutzt in Deinem Text stilistische Mittel, die kaum jemand ohne vorangegangene Ausbildung so bewusst einsetzen kann. Du beleuchtest die Psyche Deiner Figuren mit einem Blick, der zumindest sehr viel Lebenserfahrung voraussetzt, viel mehr, als Du vorweisen kannst. Wo nimmst Du das alles her? Wie geht so etwas?

MARA WOLF: Ich weiß nicht, was Du meinst.

BOOKSTER HRO: Ich meine Deinen – Verzeihung! – eher mageren Bildungsweg. Ohne Studium, ohne Ausbildung, ohne Schulabschluss ist ein solcher Roman kaum denkbar. Sicherlich bist Du nicht die Erste, die ohne Referenzen ein Buch veröffentlicht, und Du wirst auch nicht die Letzte sein. Aber die Qualität Deines Textes geht weit über einen Zufallserfolg hinaus, dazu schreibst Du viel zu durchdacht und pointiert. Ein dermaßen gut komponierter Roman ist nicht Ergebnis zufälligen Schreibens. Also entweder bist Du ein vom Schicksal gesegnetes Wunderkind oder…

MARA WOLF: Du meinst, es hat mir jemand geholfen? Da kann ich Dich beruhigen: Das ist nämlich nicht der Fall. Woran machst Du einen solchen Vorwurf denn fest?

BOOKSTER HRO: Zum Beispiel geht es in Deinem Buch ja um eine junge Frau, deren Sehnsüchte und ihren Alltag in Dresden. Diese Frau – die so heißt wie Du – datet oft Männer, die um Einiges älter sind als sie selbst. Sie geht mit ihnen aus, am Ende landen sie im Bett und es gibt unverhohlen dreckigen und meist schlechten Sex. Diese Sexszenen – von denen es mehr gibt als nötig gewesen wäre – nehmen eine rein männliche Perspektive ein. Ausnahmslos. Sie wirken wie der feuchte Traum eines notgeilen Rentners. Und zu allem Überfluss sind sie erschreckend nah an der Realität, fast unerträglich authentisch. Wo nimmst Du bloß solche Einsichten her? Gab es da einen Mann in fortgeschrittenem Alter, der Dir ganz offen seine Wünsche in die Feder diktiert hat?

MARA WOLF: [wird rot, atmet schnell, ihr Kinn zittert]

BOOKSTER HRO: Ich frage Dich noch einmal in aller Deutlichkeit: Hast Du diesen Roman selbst geschrieben oder hat Dir dabei jemand…

MARA WOLF: [beginnt zu schreien, fasst sich an den Hals und reißt sich die Maske vom Kopf]

BOOKSTER HRO: [erschreckt] Scheißverdammterkackmist! Wer sind Sie denn?

EX-MARA WOLF: Ich bin Benjamin Richter, der Autor von Maras Roman.

BOOKSTER HRO: Ha! Wusste ich’s doch!

BENJAMIN RICHTER: War ja nicht schwer zu erraten. Das steht im Klappentext.

BOOKSTER HRO: Von Ihnen kommt der Roman also in Wahrheit. Was sollte der ganze Schwindel denn eigentlich? Warum diese Heimlichtuerei?

BENJAMIN RICHTER: Ich musste es tun. Ich hatte einfach das Gefühl, dass meine Zeit vorbei ist. Niemand will heutzutage ein Buch von einem alten Mann lesen, besonders nicht, wenn darin junge Frauen beschrieben werden. Deshalb habe ich Mara vorgeschickt. Die Meute ist so aufgeladen, alle sind so dermaßen auf Krawall gebürstet. Da ist es völlig egal, was ich sage oder tue oder schreibe, ich bin in jedem Fall der alte weiße Mann, der sich seinen Privilegien nicht bewusst ist und sich aus purer Egomanie über alle anderen erhebt.

BOOKSTER HRO: Naja, das ist ja bei vielen Männern ihres Alters…

BENJAMIN RICHTER: Meines Alters? Erzähl doch keinen Scheiß! Du gehörst doch auch schon zum Leergut! Tu doch nicht so, als würdest Du die jungen Dinger von heute verstehen! Sobald das erste graue Haar sprießt, listen die dich unter Sondermüll und halten dir deine Ansichten vor wie eine Militärjunta, und zwar mit der gleichen Starrsinnigkeit, die sie Alice Schwarzer zurzeit vorwerfen. Aber irgendwann werden auch sie verbohrte alte Leute sein, an denen sich dreißig Jahre jüngere Kids abreagieren wie an einem Boxsack.

BOOKSTER HRO: Der große Clou an der Geschichte ist also, dass ein Text ein riesiger Erfolg werden kann, wenn er von einer jungen Frau kommt, während derselbe Text überall in Ungnade fällt, wenn er von einem alten Mann geschrieben wird? Dass es also nie ausschließlich darum geht, wie brillant der Text ist, sondern auch, von wem er stammt?

BENJAMIN RICHTER: Exakt. Mit dieser Finte habe ich den ganzen verlogenen Literaturzirkus auf den Kopf gestellt.

BOOKSTER HRO: Sind Sie da ganz allein drauf gekommen?

BENJAMIN RICHTER: Wie meinst Du das?

BOOKSTER HRO: Naja, ist ein solcher Plan für einen Mann, der den heutigen Debatten kaum noch folgen kann und will, nicht ein bisschen zu … schlau?

BENJAMIN RICHTER: [überlegt lange] Egal, Scheiß drauf! [fasst sich an den Hals und reißt sich die Maske vom Kopf]

BOOKSTER HRO: [erschreckt] Mistkackverdammterdünnschiss! Alter, was soll der Scheiß immerzu!? Ich mach mir hier noch in die Hosen!

EX-BENJAMIN RICHTER: Entspann Dich. Ich bin’s nur.

BOOKSTER HRO: Whatthefuck! Wer zum Geier bist Du!?

EX-BENJAMIN RICHTER: Ich bin Marlen Hobrack.

BOOKSTER HRO: [verängstigt] Wer? Nie gehört…

MARLEN HOBRACK: Ich bin die Autorin von SCHRÖDINGERS GRRRL.

BOOKSTER HRO: Ich verstehe kein Wort mehr…

MARLEN HOBRACK: Ich habe einen Roman geschrieben, der von einer jungen Frau handelt, die sich von alten weißen Männern vor den Karren spannen lässt, um deren Karrieregeilheit zu befriedigen.

BOOKSTER HRO: Mara! Du sprichst von Mara! Und von Herrn Richter. Die waren beide gerade hier. Und den Roman habe ich auch gelesen. Er heißt … warte kurz … wie hieß er noch …

MARLEN HOBRACK: Das tut überhaupt nichts zur Sache. Ich wollte nur erzählen, wie der Literaturbetrieb funktioniert und wie Altersklischees das Publikum beeinflussen.

BOOKSTER HRO: Aber ich kenne Mara und Herrn Richter persönlich, nur von Dir habe ich noch nichts gehört. [wimmernd] Wie kommt das? Ich verstehe es nicht…

MARLEN HOBRACK: Mara und Herr Richter sind fiktiv, ich bin ihre Schöpferin.

BOOKSTER HRO: Dann bist Du so etwas wie eine Göttin?

MARLEN HOBRACK: Ich bin Autorin, Kolumnistin, Literaturkritikerin, Writer, Reader, Professional Nerd…

BOOKSTER HRO: Hast Du mich auch erschaffen?

MARLEN HOBRACK: Nein, es ist eher andersherum. Dieser Blog hier ist Dein Spielplatz.

BOOKSTER HRO: Das heißt, ich kann hier machen, was ich will?

MARLEN HOBRACK: Ich denke schon…

BOOKSTER HRO: [überlegt, beugt sich nach vorn, fasst Hobrack an den Hals und reißt ihr die Maske vom Kopf]

EX-MARLEN HOBRACK: War ja klar, dass Du so ’n Ding abziehst.

BOOKSTER HRO: [verwirrt] Herr Krach?

CHRISTIAN KRACH: Na wer denn sonst?

BOOKSTER HRO: Heißt das jetzt etwa, dass Sie…?

CHRISTIAN KRACH: Na? Naaa? Moment, Du bist mir zu langsam. [beugt sich nach vorn, fasst dem Bookster an den Hals und reißt ihm die Maske vom Kopf]

EX-BOOKSTER HRO: Christian?

CHRISTIAN KRACH: Denis! [Sie umarmen sich lange]

DENIS SCHRECK: Ich habe es gewusst: Ein Geniestreich wie SCHRÖDINGERS GRRRL kann nicht von einer Frau sein. Hehehe!

CHRISTIAN KRACH: Denen hab ich’s ordentlich gezeigt, was? Höhöhö!

DENIS SCHRECK: Allerdings, mein Lieber! Hehehe! Du bist wahrlich ein großer Künstler.

CHRISTIAN KRACH: Komm, lass uns was trinken. Ich habe noch einen Dom Perignon zuhause. Auf die Kunst der Männer und die Schönheit der Frauen! Höhöhö.

DENIS SCHRECK: Hehehe.

[gehen Arm in Arm aus dem Studio]


SCHRÖDINGERS GRRRL erschien Verbrecher Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

6 Gedanken zu “Marlen Hobrack | SCHRÖDINGERS GRRRL

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