Kim Thúy | GROSSER BRUDER, KLEINE SCHWESTER

CDN 2020 | 155 Seiten
OT: »Em«
Aus dem kanadischen Französisch von Brigitte Große
Antje Kunstmann Verlag
ISBN: 978-3-95614456-1

Immer wieder Krieg.

(Seite 7)

Im April 1975 führten die amerikanischen Streitkräfte in Vietnam auf Weisung des damaligen US-Präsidenten Gerald Ford die Operation Babylift durch. Dutzende Militär-Flugzeuge starteten von Saigon aus – das durch die nordvietnamesische Armee schon unter Beschuss lag – in Richtung Kalifornien. An Bord waren insgesamt mehr als zweitausend vietnamesische Säuglinge und Kleinkinder, für die bei amerikanischen Adoptivfamilien ein besseres Leben geplant war. Doch gleich die erste Maschine stürzte wegen eines technischen Mängels kurz nach dem Start ab – 155 Menschen, überwiegend Kinder, verloren ihr Leben.

Aus den Schatten dieses Krieges entwickelt die kanadisch-vietnamesische Autorin Kim Thúy (*1968) ihren kurzen aber intensiven Roman GROSSER BRUDER, KLEINE SCHWESTER, bei dem deutlich zu spüren ist, dass auch Erinnerungen der eigenen Biografie verarbeitet werden. Thúy, die ich auf der Frankfurter Buchmesse live erleben durfte – eine unglaublich sympathische und witzige Frau –, erzählte über die Idee für dieses Buch, dass sie einst ein Foto zweier Waisenkinder in den Straßen von Saigon gesehen habe. Das kleine Mädchen halbnackt in einer Pappschachtel, der Junge die Schachtel beschützend in den Armen. Bei der Recherche über das Foto und die beiden Waisen fand sie heraus, dass das Mädchen später eines der glücklichen Kinder war, die durch die Operation Babylift nach Amerika kamen. Die Spur des jungen dagegen war nicht aufzuspüren, also erfand sie sie.


GROSSER BRUDER, KLEINE SCHWESTER einen Roman zu nennen, passt nicht ganz zum Text. Es ist eher eine Ansammlung kleiner Anekdoten über die Herkunft der beiden Kinder, ihre kurze Zeit in Vietnam und das neue Leben nach der Evakuierung. Vieles davon mag fiktiv sein, durch den Schreibstil und die Integrität der Autorin – die selbst in jungen Jahren aus Vietnam floh – ist es dennoch authentisch. Thúy erzählt in einer wunderbar warmen und herzlichen Sprache, als läse sie ein Märchen vor, und vergisst bei aller Dramatik auch den Humor nicht. Selbst bei den brutalsten Szenen dieses harten Krieges spürt man beim Lesen Thúys Lächeln und die Poesie ihrer Sätze lindert jeden Schrecken.

Zwischen die Kapitel sind vereinzelt kurze Texte eingeschoben, die den Alltag jener Zeit in Vietnam beschreiben oder bestimmte Details aus Politik, Kultur und Gesellschaft näher erläutern. Der Kunstmann Verlag, der seit Jahren für seine hervorragend gestalteten Bücher bekannt ist, hat bei diesen Zwischenkapiteln auch im Layout für das gewisse Etwas gesorgt, indem auf diesen Seiten eine Art goldener Faden hinter den Text gedruckt ist, als wolle Thúy mit diesen Fäden die Geschichte der beiden Waisen zusammenhalten.

GROSSER BRUDER, KLEINE SCHWESTER ist ein kleines Juwel – dramatisch und bewegend, hoffnungsvoll und wunderschön.


GROSSER BRUDER, KLEINE SCHWESTER erschien in der Übersetzung von Brigitte Große im Antje Kunstmann Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Weitere Rezensionen lest Ihr bei Literaturreich und bei Sandra Falke.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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