Lucia Leidenfrost | WIR VERLASSENEN KINDER

A 2020 | 192 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01208-9

Wir umarmen uns zum Abschied, stecken nach der Umarmung unsere Hände in die Hosentaschen, als würden wir so die Berührung von Mutters Rücken und Vaters Schultern in den Händen behalten können. (Seite 5)

William Golding (1911-1993) schrieb sich einst mit seinem Erfolgsroman HERR DER FLIEGEN in den Kanon der modernen Literatur. Wir erinnern uns: Auf einer Insel in der Südsee strandet eine Gruppe Kinder, die im Laufe der Wochen ohne die Aufsicht von Erwachsenen instinktiv eine brutale Hackordnung einführen. Ein ganz ähnliches Setting wählt Lucia Leidenfrost (*1990) für ihren ersten Roman WIR VERLASSENEN KINDER.

Nun, es ist nicht die Südsse, sondern ein namenloses Dorf, und die Kinder sind auch nicht schlagartig aufsichtslos, sondern werden nach und nach zurückgelassen. Die Erwachsenen ziehen in eine nahe gelegene – für die Kinder aber unerreichbare – Stadt unter dem Vorwand, dass Krieg im Land herrsche und sie in der Not helfen müssten. Sie schicken Pakete mit Lebensmitteln und Geld und schreiben Brief, in denen sie die Kinder um Geduld bitten; bald würde sich alles entspannen und sie würden wieder vereint sein. Früh jedoch wird den Kindern – und auch uns Lesern – klar: das sind alles leere Versprechungen, der Krieg ist eine Lüge, die Kids sind verloren, niemand wird zurückkehren.

Einer der letzten verbliebenen Erwachsenen ist der Lehrer der kleinen Dorfschule, doch auch der macht sich irgendwann aus dem Staub. Seine Tochter Mila, ein strebsames Mädchen, will den Betrieb in der Schule aufrechterhalten und erntet damit den Zorn der restlichen Kinder, die sich bereits sehr gut in ihrer anarchischen Welt zurechtgefunden haben. Es ist eine animalisch-natürliche Ordnung, die sich gebildet hat: das Recht des Stärkeren, gekoppelt mit dem Herdentrieb, gesichert durch den Gruppenzwang. Dass die Gesellschaft auf diese Weise vor die Hunde geht, begreifen die Kids freilich nicht, dazu sind sie viel zu kurzsichtig. Dennoch lässt sich Mila nicht unterkriegen und verfolgt eisern ihren Wunsch nach Bildung, auch wenn sie dabei Gefahr läuft, von den anderen Kindern gelyncht zu werden. Ein nicht unbegründeter Gedanke, denn in den leerstehenden Häusern sind auch Waffen zu finden.


Lucia Leidenfrost schreibt ihre Gesellschaftsparabel in nüchternen, kurzen Sätzen, die den Plot durch die so entstehende Gefühlskälte noch bedrohlicher wirken lassen, als er ohnehin schon ist. Wie das Dorf und das Land keinen Namen haben, bleiben auch die meisten Figuren – bis auf Mila, ihr einziger Verbündeter Juri und ein paar der Erwachsenen – unbenannt. Auch die Zeit bleibt unbestimmt; man kann sie zwar ungefähr eingrenzen – es gibt Autos und elektrischen Strom, jedoch keine Handys –, aber sie tut nichts zur Sache. Zeit und Ort sind irrelevant für die Geschichte, alles bleibt hypothetisch; entscheidend ist, was die Kinder aus ihrer Lage machen.

Für meinen Geschmack fehlte es hier und da ein wenig an Feuer, denn selbst die intensivsten Szenen sind diszipliniert  – und somit distanziert – heruntergeschrieben; ein bisschen mehr Mut für den Griff in die stilistische Trickkiste hätte sicher nicht geschadet. Dafür aber findet die Autorin gute Symbole für die Beweggründe ihrer Figuren – zum Beispiel die Spinne auf dem Rücken von Milas Vater, die ihn steuert: eine großartige Metapher für Fremdbestimmung –, was dem Text eine wichtige Ebene hinzufügt. Auch die Perspektivwechsel in den einzelnen Kapiteln sind gelungen: Viele Szenen werden aus der Sicht der Kinder als kollektivem Bewusstsein in der Wir-Form erzählt, ein Stilmittel, das mir immer sehr gefällt. Somit ist Lucia Leidenfrosts Roman mit kleinen Abzügen ein absolut lesenswertes Debüt.


978-3-218-01208-9WIR VERLASSENEN KINDER ist im Wiener Verlag Kremayr & Scheriau erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Weitere Rezensionen lest Ihr beim feinen reinen Buchstoff und bei KeJas Wortrausch.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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