Simone Hirth | BANANAMA

A 2018 | 192 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01103-7

Ich bin nackt. Es ist Sommer, Nachmittag, und so heiß, dass man selbst im Schatten des Walnussbaums nicht friert. Ich erweitere meinen Friedhof. (Seite 9)

Oh, wie schön ist Bananama! Für die dreiköpfige Austeigerfamilie ist das kleine, schlichte Haus am Waldrand das Paradies. Genauso hat es sich der Vater immer vorgestellt: Eigens geerntetes Obst und Gemüse, Wasser aus dem eigenen Brunnen, Energieverbrauch nahe Null, ein Leben mit dem kleinstmöglichen biologischen Fußabdruck, fernab der geldgeilen Gesellschaft, die nur noch Konsum und Zerstreuung im Kopf hat. Doch auch ein antikapitalistischer Lebenswandel will finanziert sein. Das Geld fließt regelmäßig dank einer Erfindung der Mutter, einem tragbareren Sonnenkollektor. Mit dieser Sicherheit im Rücken lebt es sich herrlich im Bananama.

Da gibt es aber noch die Tochter. Als Hausgeburt von Anfang an in Bananama groß geworden, nimmt sie begierig alles in sich auf, was ihr die Eltern beibringen. Übers Gärtnern, Kochen und Stricken, aber auch über die bösen Kapitalisten und Weltkonzerne, die in ihrer unendlichen Gier die Menschen ausbeuten und die Erde zerstören. Eigentlich müsste Bananama der perfekte Platz zum Aufwachsen sein, doch so richtig wohl fühlt sich das Mädchen nicht in ihrem kleinen Reich und dieses Gefühl wird mit jedem Tag schlimmer. Die Mutter wird immer dicker, der Vater immer verbissener in seinem Hass gegen den Rest der Welt. Manchmal klopft jemand an die Tür, doch die Eltern hören es nicht. Und spätestens als ein fremder Mann tot im Garten liegt, wird dem Mädchen klar, dass Bananama nicht Freiheit bedeutet sondern Gefangenschaft.


Einen äußerst beunruhigenden Roman hat Simone Hirth (*1985) mit BANANAMA vorgelegt, in dichter, bildreicher Sprache. Was anfängt wie eine Version von Captain Fantastic wird nach und nach zu einem bedrohlichen Szenario. Erzählt wird aus der Perspektive der Tochter, die mit kindlich- verspieltem Blick ihr Exil beschreibt und dort fröhlich ihre Zeit verbringt. Dass das Mädchen immer mehr Angst vor diesem Ort hat und die Scheu vor ihren Eltern wächst und wächst, steht deutlich zwischen den Zeilen.

Dank zahlreicher Metaphern im Handeln und Denken sehen wir Leser, wie schlimm es um das Mädchen wirklich steht: Sie begräbt im Garten Wörter wie Angst und Tod, von denen sie sich trennen will; ihr Lieblingsmärchen ist Rapunzel, weil es sie an sich selbst erinnert; sie träumt von einem Koffer, in den sie die bösen Träume und Gefühle packen und wegschließen kann. Später lässt Hirth die Geschichte immer weiter in eine Art Albtraum abdriften: Massenweise Vögel brechen sich am Waldhaus das Genick, tote Menschen liegen auf dem Gemüsebeet, die totgeglaubte Großmutter wird zu einer Grimassen schneidenden, stinkenden Hexe – alles sehr unheimlich. Und der Umstand, dass Hirth nichts erklärt, sondern alles uns Lesern überlässt, macht es nur noch gruseliger. Ebenso das Ende bleibt schließlich offen, was aber ganz gut zum Text passt und nur konsequent ist.

Auch wenn sich der Metapherndauerbeschuss über die knapp 200 Seiten etwas erschöpft, ist BANANAMA ein äußerst fesselndes Buch, das viele Genres abdeckt. Das beengende Setting hat etwas von Hitchcock, die Charakterbeschreibung reicht bis in die Tiefenpsychologie und auch als Satire auf den Ökowahn kann man das Buch verstehen. Fazit: Lesenswert.


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BANANAMA ist beim Wiener Verlag Kremayr & Scheriau erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Alle weiteren Information findet Ihr auf der Verlagsseite. Weitere Besprechungen findet Ihr beim Buchstoff und bei Kill Monotony. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Simone Hirth | BANANAMA

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