Jasmin Schreiber | MARIANENGRABEN

D 2020 | 253 Seiten
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0042-9

Dein allerallerallerliebstes Tier war der Gespensterfisch – bei dir mussten es immer mindestens drei »aller« sein, wenn dir etwas ganz besonders wichtig war. (Seite 8)

Die junge Biologie-Studentin Hannah trauert um ihren kleinen Bruder, der bei einem Urlaub am Meer ertrunken ist. Auf den ersten Blick ist das völlig natürlich und aus psycho-hygienischen Gründen sehr gesund, allerdings liegt der Unfall schon zwei Jahre zurück und Hannah kommt nicht heraus aus ihrer Trauer, die so tief, dunkel und kalt ist wie der Marianengraben. Hannah ist depressiv und – auch wenn sie das nicht laut ausspricht – ihres Lebens müde. Jeder Versuch, aus dieser Tiefe aufzutauchen, misslingt schon im Ansatz – nicht einmal zum Grab ihres Bruders hat sie es in all der Zeit geschafft, weil sie sich ihrer Trauer vor anderen Leuten schämt.

Auf den Rat ihres Therapeuten hin, den Grabesbesuch auf die dunkle Tageshälfte zu verlegen, wenn niemand anderes dort ist, klettert sie eines Nachts über die Friedhofsmauer, um sich nach so langer Zeit endlich von ihrem Bruder zu verabschieden. Dabei wird sie von Helmut, einem alten, miesepetrigen Sonderling ertappt, der gerade die Urne seiner Freundin ausgebuddelt hat, um die Asche an ihren wahren Bestimmungsort in Südtirol zu bringen – Versprochen ist versprochen. Gemeinsam machen sich die beiden in Helmuts klapprigen Wohnmobil auf den Weg Richtung Alpen, eine Reise, die für Helmut eine Heimkehr an die Orte seiner Jugend ist, und für Hannah die Chance auf einen Neubeginn.


Der Tod eines Kindes – ein irre schweres Thema, das sich Jasmin Schreiber (*1988) für ihr Debüt ausgesucht hat. Hier sind Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen gefragt, zwei Dinge, von denen die Autorin reichlich besitzt, wie sie in MARIANENGRABEN beweist. Als eine mehr oder weniger abenteuerliche Road-Novel verpackt und mit sowohl poetisch-nachdenklichen, wie auch situationskomischen Szenen garniert, ist der Roman durchaus lesenswert, hat Tiefe und weiß zu unterhalten. Die Kapitel sind mit Tiefenangaben betitelt, begonnen bei elftausend, der tiefsten Stelle im Marianengraben, und aufsteigend bis zur Null-Marke – ein wunderbares Symbol für Hannahs Auftauchen aus der Trauer und nur eines der vielen Bilder, die Schreiber für ihr Thema findet.

Leider gibt es schmerzhafte Abzüge in der B-Note, denn stilistisch kann Schreiber wenig punkten. Manche Sätze gehen wirklich ans Herz, besonders wenn Paula an ihren Bruder denkt und sich an die gemeinsamen Stunden mit diesem klugen Jungen erinnert. Allerdings merkt man schon nach wenigen Kapiteln, dass Schreiber mit Kalkül und viel zu häufig auf die Tränendrüse drückt, sodass sich dieser Effekt – bei aller Tragik – recht schnell abnutzt. Andere Sätze wiederum sind für das Thema viel zu flapsig und bemüht lustig. Überhaupt fehlt es an Reife: Hannahs Handlungen und Gedanken wirken oft eher jugendhaft als erwachsen. Ob das ihrer seelischen Schieflage zuzuschreiben ist – und also mit Bedacht so geschrieben wurde –, kann ich nicht sagen, würde es aber eher bezweifeln.

Ich möchte das Buch nicht verreißen, denn es ist sicherlich kein schlechtes Debüt. Jasmin Schreiber hat viel Talent und kennt sich aus mit dem Thema. Auf ihrem lesenswerten Blog sterbenueben.de hat sie dutzende Artikel über Verlust und Trauer veröffentlicht. Aber bereits auf der ersten Hälfte des Buches habe ich festgestellt, dass ich einfach nicht zur anvisierten Zielgruppe gehöre. MARIANENGRABEN ist meines Erachtens ein Jugendbuch, ohne dass es als solches vermarktet wird. Ich denke, bei jüngeren Leser:innen mit eher romantischen Vorstellungen vom Tod – Fans von John Green oder Cecilia Ahern – könnte dieser Roman sehr erfolgreich durchstarten … zu wünschen wäre es ihm.


978-3-8479-0042-9MARIANENGRABEN ist beim Eichborn Verlag erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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