Verena Stauffer | ORCHIS

A 2018 | 256 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01104-4

Das Erwachen auf dem Schiff nach wochenlanger Überfahrt glich dem Auftauchen eines Kugelfischs aus schwarzen Meeresgründen in leuchtende Korallenriffe. (Seite 7)

Mitte des 19. Jahrhunderts macht sich der aufstrebende Botaniker Anselm auf die gefährliche Reise nach Madagaskar, um in den Wäldern des abgeschotteten Inselreiches als Erster eine Sternorchidee zu beschreiben und nach Europa zu überführen. Nach einer beschwerlichen Suche voller körperlicher Entbehrungen findet er die seltene Pflanze im Überfluss, nimmt sich so viele Exemplare, wie er tragen kann und beginnt die Rückreise. Doch bei der Überfahrt gerät das Schiff in einen schweren Sturm und er verliert seine kostbare Fracht an den Ozean.

Als Anselm völlig erschöpft von Bord geht, hat sich etwas an ihm verändert. Wie ein Abschiedsgruß wächst da eine wunderschöne Orchidee aus seiner Schulter, die er von nun an hegt und pflegt. Das Problem ist: Nur er kann sie sehen – für seine Familie ein klarer Fall für die Irrenanstalt. Anselms Karriere als Botaniker steht auf Messers Schneide, doch er gesundet schnell und als Protegé seines Vaters gelingt ihm auch der Schritt in eine akademische Laufbahn. Ein paar Jahre später jedoch verrennt er sich wieder in seine Obsession und erneut übernimmt eine Orchidee die Kontrolle über sein Handeln. In der Hoffnung auf die Entdeckung einer bisher unbekannten Art von Frauenschuh macht sich Anselm auf den langen und gefährlichen Weg in die Wälder Chinas.


Verena Stauffer (*1978) hat – das merkt man von der ersten Seite an – die Klassiker der Abenteuerliteratur zum Vorbild für ihre Orchideenodyssee genommen. Sicher liegt es daran, dass die Österreicherin die Sprache und den Stil jener berühmten Romane so gekonnt imtiert – hinzu kommt, dass große Teile der Handlung auf Schiffen spielen –, jedenfalls war ich von Anfang bis Ende an MOBY DICK oder DER SEEWOLF erinnert, zumindest an die Atmosphäre, die dort heraufbeschworen wird. Auch die Szenen an Land, in denen der wirre Anselm unentdeckte Gebiete erforscht und fremde Kulturen beschreibt, passen stilistisch perfekt in die Zeit, in der das Buch spielt. Politische und wissenschaftliche Nebenschauplätze – wie zum Beispiel die Abschottung Madagaskars unter der drakonischen Königin Ranavalona I., die Opiumkriege in China oder die denkerischen Umstürze, die mit Darwins Evolutionstheorien einhergingen – bereichern den Roman noch zusätzlich, bis man zwischenzeitlich wirklich denkt, man halte einen Klassiker in der Hand. Noch mal nachgeprüft: Nein, das Buch ist von 2018.

Aber handelt es sich denn hier um einen rein historischen Roman? Es gibt da noch eine psychologische Ebene, die Anselm ordentlich auf den Zahn fühlt, ihn als obsessiven Maniker entlarvt und all sein Handeln in Frage stellt. Im Gegensatz dazu steht seine Intelligenz und sein hoher Bildungsgrad – eine gute Mischung für eine Hauptfigur. Die Szenen völliger geistiger und körperlicher Erschöpfung, in denen sich Anselm halb im Delirium verliert, gehören zu den stärksten in diesem an starken Momenten nicht gerade armen Debüt. Alle Achtung!


VS_O

ORCHIS ist beim Wiener Verlag Kremayr & Scheriau erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Alle weiteren Information findet Ihr auf der Verlagsseite. Auch Marina Büttner war ganz begeistert von dem Buch; ihre Rezension auf literaturleuchtet lest Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Verena Stauffer | ORCHIS

  1. Ich liebe es! Ich bin der Autorin, die auch Lyrik schreibt, kürzlich in Berlin begegnet. Sie wird im September auch in Berlin lesen. Witzig, dass du an Abenteuerklassiker gedacht hast. Für mich hatten Teile etwas sehr märchenhaftes …
    Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

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