Olga Grjasnowa | DER VERLORENE SOHN

D 2020 | 383 Seiten
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03783-3

An jenem letzten Morgenseines alten Lebens wurde Jamalludin von seiner Mutter geweckt.

(Seite 9)

Imam Schamil führt in Dagestan seit Jahren einen erbitterten Kampf gegen das russische Zarenreich. Der Kaukasische Krieg tobt und die muslimischen Völker bieten dem verhassten Agressor die Stirn. Doch sie verlieren, denn die russische Armee ist einfach zu mächtig. Um in Verhandlung mit dem Zaren zu kommen, bringt Schamil ein großes Opfer: Er gibt seinen jüngsten Sohn Jamalludin als Geisel in die Obhut des Feindes.

Der – verlorene – Sohn wird nach St. Petersburg gebracht, dort nach russischem Werten in Wissenschaft, Religion und Kriegsführung ausgebildet und in den Hochadel eingeführt. Nach anfänglichem Heimweh, gefällt es Jamalludin im fortschrittlichen Russland und er führt ein angenehmes Leben in Saus und Braus. Doch bald geht ihm auf, dass der Zar ihn in den Kaukasus zurückschicken wird, wo er als russlandtreuer Kriegsherr dieses wiederspenstige Gebiet endlich unter Kontrolle bekommen soll. Jamalludin ist nichts weiter als eine Figur auf dem Schachbrett des Krieges.


Als ich hörte, dass Olga Grjasnowa (*1984 in Baku) an der diesjährigen LiteraTour Nord teilnimmt – einer Veranstaltung, die für mich jedes Jahr zum Pflichtprogramm gehört –, wurde ich ganz euphorisch. Von ihr hatte ich schon so viel gehört, ihre Romane – Titel, Inhalt, Veröffentlichungsjahr – konnte ich im Schlaf runterbeten, aber ich hatte noch nie einen von ihnen gelesen. Höchste Zeit also, dieses Versäumnis nachzuholen.

Vielleicht hätte ich aber doch mit einem anderen ihrer Romane beginnen sollen, denn bei ihrem jüngsten Werk DER VERLORENE SOHN tat sich bei mir von Anfang bis Ende rein gar nichts. Dabei bietet die Geschichte um Jamalludin jede Menge Stoff: Wochenlange Reisen durch das zaristische Russland, Einblicke in den russischen Adel, Liebschaften, Freundschaften und Feindschaften mit allerlei Figuren der Weltgeschichte… eigentlich eine perfekte Mixtur für einen guten historischen Schmöker.

Aber Grjasnowa schreibt das alles viel zu brav herunter. Es ist zwar alles gut lesbar und keinesfalls schlecht geschrieben, aber es fehlt an Finesse, es fehlt irgendein Kunstgriff, der den Roman unvergleichlich macht. Grjasnowa schafft es einfach nicht, mich als Leser bei Laune zu halten. Irgendwo auf der Hälfte habe ich das Interesse am weiteren Verlauf des Schicksals Jamalludins verloren; durchgehalten habe ich nur noch aus Höflichkeit. Und selbst das Ende wirkt so unmotiviert und lustlos, dass es nichts mehr herausholen kann. Schade, ich werde dann doch lieber irgendwann zu den BIRKEN greifen…


DER VERLORENE SOHN erschien beim Aufbau Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.
Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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