Inger-Maria Mahlke | ARCHIPEL

D 2018 | 432 Seiten
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-04224-0

Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten, in La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad, um siebzehn Uhr siebenundzwanzig wird sie mit 31,3 Grad ihr Tagesmaximum erreichen. (Seite 8)

Ana und Felipe gehören der Upper Class Teneriffas an, Zentrum des titelgebenden Archipels und Handlungsort in Inger-Maria Mahlkes neuem Roman. Felipe, der als jüngster Spross der einflussreichen Familie der Bernadottes Luxus gewohnt ist, verplempert seine Zeit mit teuren Drinks an der Bar des High-Society-Clubs – Clubmitglied reicht für ihn auch als Berufsbezeichnung – und hat zuhause wenig zu melden. Ana dagegen kommt aus einer Arbeiterfamilie und hat es als Inselpolitikerin weit gebracht, stolpert aber derzeit über eine Affäre mit weitreichenden Folgen.

Rosa, die Tochter der beiden – das Großstadtleben gewöhnt und spätpubertär –, ist gerade vom Studium auf dem Festland nach Teneriffa zurückgekommen und versucht, dem trägen Inselleben etwas abzugewinnen. Sie findet ihre Bestimmung bei den Alten im Seniorenheim, denen sie Modeartikel verschachert. Doch um ins Heim zu gelangen, muss sie am Pförtner vorbei, an Julio, ihrem knapp hundertjährigen Großvater mütterlicherseits, dem die Ehe seiner Tochter mit Felipe, diesem verhätschelten Schnösel, schon immer ein Dorn im Auge war und der somit – starrköpfig wie er ist – auch seiner Enkelin nicht ohne Vorbehalt begegnen kann.


Inger-Maria Mahlke (*1977) baut im ersten Drittel ihres Romans eine kunstvoll verzweigte Familiengeschichte auf. Doch die Fragen, die sich uns Leser automatisch stellen – Wird diese müde Ehe halten? Ist Anas politische Karriere am Ende? Finden Julio und Rosa doch noch einen Draht zueinander? – beantwortet sie nicht. Stattdessen dreht Mahlke an der Uhr und springt kontinuierlich mit jedem Kapitel ein paar Jahre zurück in der Zeit. Die Leute werden jünger, sind verliebt, sind Kinder, werden geboren, so wie auch ihre Eltern einst jünger waren und deren Eltern ebenfalls. Ansichten und Überzeugungen ändern sich ebenso wie die politischen Hintergründe des an Umstürzen nicht gerade armen Landes. Fast einhundert Jahre werden wir zurückgeschickt, bis ins Geburtsjahr Julios, der als einzige Konstante in jedem Kapitel einen Auftritt hat.

Mahlke dreht in ARCHIPEL die gewohnten Fragen also einfach um. Aus Wie-geht-es-mit-uns-weiter? macht sie Wie-sind-wir-so-geworden?, ein Kunstgriff, der nicht zuletzt dank ihrer schriftstellerischen Fertigkeiten vollends aufgeht. Mahlkes Sprache wirkt leicht, verzichtet aber nicht auf stilistische Tricks, was den Anspruch ihres Werks erheblich steigert. Und zu guter Letzt beendet sie den Roman mit dem Satz: Auf die Zukunft! Für mich der wohl »beste letzte Satz« des Jahres (knapp gefolgt von Angelika Klüssendorf).

Mit WIE IHR WOLLT stand Inger-Maria Mahlke 2015 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auch in diesem Jahr ist ihr ein Platz auf der Shortlist zu gönnen. Am 11. September sind wir schlauer…


978-3-498-04224-0ARCHIPEL ist beim Rowohlt Verlag erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier. Eine weitere wohlwollende Besprechung findet Ihr bei letteratura. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken…

9 Gedanken zu “Inger-Maria Mahlke | ARCHIPEL

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