Thomas von Steinaecker | WALLNER BEGINNT ZU FLIEGEN

D 2007 | 367 Seiten
Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN: 978-3-627-00140-7

Günter Wallner beginnt zu fliegen. Seine geriffelten Gummisohlen ruhen nicht mehr auf der Fußstütze. Wie die anderen Fahrgäste auch wird er nach vorne geschleudert. (Seite 7)

INHALT: Stefan Wallner ist Besitzer einer erfolgreichen Landmaschinenfabrik in der Oberpfalz. Er steht mit beiden Beinen fest im Leben, doch als sein Vater bei einem Zugunglück stirbt, geraten ihm die Dinge außer Kontrolle. Er mißtraut allen, fühlt sich verfolgt, hat Stimmungsschwankungen und flüchtet sich mehr und mehr in seine Fantasiewelten.

Seinem Sohn Costin stehen zu dieser Zeit alle Türen in die Welt der Schönen und Reichen offen. Als Sieger einer Casting-Show ist er Teil einer erfolgreichen Pop-Gruppe und genießt die damit verbundenen Vorteile in allen Zügen. Allerdings liegen auch seine Jahre nicht nur im Sonnenschein und als der Erfolg im Pop-Geschäft nachlässt, hält er sich mit Reality-Shows und Synchronjobs für Kinderfilme über Wasser. Hinzu kommt, dass sich sein alternder Körper für die exzessive Jugend rächt.

In seinen letzten Jahren betritt Wanja die Bühne, die uneheliche Tochter, von der Costin nie wusste und die ihm einen enormen Aufschwung gibt. Wanja nimmt ihn nach anfänglichen Schwierigkeiten doch als Vater an und macht sich nach dessen Tod daran, ein Buch über die Familie Wallner zu schreiben, was schwieriger ist als zunächst gedacht.

FORM: Thomas von Steinaecker (*1977) entwirft in WALLNER BEGINNT ZU FLIEGEN eine Familienchronik über drei Generationen, mit dem Clou, dass der größte Teil in der Zukunft liegt. Die Handlung spielt ungefähr in der Zeit von 2000 bis in die späten 2050er Jahre. Die drei Teile behandeln in über 200 zum Teil sehr kurzen Kapiteln jeweils die Hauptpersonen Stefan, Costin und Wanja Wallner. Von Steinaecker schreibt die Sätze passgenau seinen Figuren auf den Leib. Beim akuraten Firmenbesitzer sind sie pragmatisch, nüchtern, spröde, beim partysüchtigen Popstar dagegen wild, ausufernd, verquer. Dieser stilistische Trick ist den Charakterbeschreibungen sehr zuträglich und verdichtet sie.

FAZIT: Auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, der Autor verliere das Ziel vor Augen und der Plot komme etwas ins Stolpern, habe ich diesen außergewöhnlichen und mutigen Roman sehr gern gelesen. Ein Familienepos vom Jetzt in die Zukunft wachsen zu lassen (statt wie üblich von der Vergangenheit ins Jetzt), es dann noch in so enge stilistische Formen zu gießen, verdient, noch dazu als Romandebüt, meinen vollen Respekt. Hut ab – fünf Sterne!

„Günter Wallner beginnt zu fliegen. Seine geriffelten Gummisohlen ruhen nicht mehr auf der Fußstütze. Wie die anderen Fahrgäste auch wird er nach vorne geschleudert.“

Wendy überlegt.
Dann markiert sie den Satz und sagt: „LÖSCHEN.“ (Seite 367)

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