Cormac McCarthy | DER PASSAGIER & STELLA MARIS

USA 2022 | 528 & 240 Seiten
OT: »The Passenger« & »Stella Maris«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl & Dirk van Gunsteren
Rowohlt Verlag
ISBNn: 978-3-498-00337-1

978-3-498-00336-4

In der Nacht hatte es leicht geschneit, und ihr gefrorenes Haar war golden und kristallen, ihre Augen starr, kalt und hart wie Steine.

(DER PASSAGIER, Seite 5)

Hallo. Ich bin Dr. Cohen.

(STELLA MARIS, Seite 7)

Was hatte ich mich gefreut, als ich hörte, dass es von Cormac McCarthy nach langer Schaffenspause endlich wieder etwas zu lesen geben wird. Nach seinen weltweiten Bestsellern KEIN LAND FÜR ALTE MÄNNER und DIE STRASSE – beide nicht weniger erfolgreich verfilmt – war es ruhig geworden um den Godfather of Neo-Western. Ein Theaterstück, ein Hollywood-Drehbuch, ein Essay – das ist das schmale Œuvre aus sechzehn langen Jahren. Und jetzt, im hohen Alter von fast Neunzig, gleich zwei neue Romane! Nun steht seine Dilogie ausgelesen bei mir im Schrank und ich bin … verwirrt. Nur, ob auf die gute oder schlechte Art, da bin ich mir noch unschlüssig.

Im Grunde genommen geht es um die Geschwister Bobby und Alicia Western und ihre Beziehung zueinander, die die gesellschaftlichen Normen bei Weitem übersteigt. Die beiden sind die Kinder eines Wissenschaftlers, der mit Robert Oppenheimer gemeinsam für die Erfindung der Atombombe verantwortlich war – ein schweres Erbe für das Gewissen der Familie.

DER PASSAGIER spielt in den frühen 1980ern, Bob arbeitet als Bergungstaucher, der den Auftrag erhält, im Golf von Mexiko zu einem kürzlich abgestürzten Flugzeug zu tauchen. Dort findet er die Leichen der Passagiere und der Besatzung, doch der Flugschreiber fehlt. Außerdem ist ein Sitz der ursprünglich voll besetzten Kleinmaschine leer. Der Verbleib dieses ominösen zehnten Passagiers bleibt ungeklärt. Kurz darauf bekommt Bobby unangenehmen Besuch von einer dubiosen Sicherheitsfirma und sein Partner, mit dem er den für den Bergungsauftrag beim Wrack war, kommt unter unnatürlichen Umständen ums Leben. Bobby ist schnell klar, dass da Mächte am Werk sind, gegen die er nichts ausrichten kann, und flieht aus seinem bisherigen Leben. In langen Gesprächen, die Bobby auf seiner Flucht mit Freunden und Verwandten führt, erfahren wir viel über das Leben, das er vor der Taucherei geführt hat. Seine Schwester Alicia ist zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren tot.

STELLA MARIS spielt einige Jahre früher, 1972 um genau zu sein. Titelgebend ist eine psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt in Wisconsin, in die sich Alicia Western als Patientin selbst eingeliefert hat. Ihr Bruder Bobby ist – Obacht jetzt! – zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren tot … Hä? Der zweite Roman der Dilogie besteht ausschließlich aus der Transkription eines mehrfach unterbrochenen Gespräches mit ihrem Therapeuten Dr. Cohen. In diesem langen Dialog erfahren, dass Alicia eine hochbegabte Mathematikerin mit schizophrenen Wahnvorstellungen ist. Zu ihren Hauptfantasien gehört ein Contergan-geschädigter Zwerg, der ihr in jeder ruhigen Minute erscheint und sie verbal erniedrigt.


Wie ein großes Rätsel liegen die beiden Bücher nun vor mir und je länger ich über die Geschichte nachdenke, desto verwirrter werde ich. Rein handwerklich gibt es an dem Doppelroman nichts auszusetzen. McCarthy kann seit jeher mit wenigen Kniffen Spannung hervorzaubern wie kaum jemand sonst und lässt seine Figuren Gespräche führen, die innerhalb eines Absatzes von Alltäglichem zur Quintessenz des Lebens schwenken. Diese McCarthy-typischen Elemente wurden durch die Übersetzer Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren atmosphärisch sauber ins Deutsche übertragen.

Dennoch bietet das Werk viel Angriffsfläche. DER PASSAGIER ist mit über fünfhundert Seiten deutlich zu lang geraten. Der Roman besteht zu großen Teilen aus Dialogen, die sich über Dutzende Seiten hinweg um Themen drehen, die nur mit sehr viel Wohlwollen etwas mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Der thrillige Plot mit der fehlenden Leiche ist ein grandioser Start in die Geschichte um Bobby Western, doch wird darauf nach dem ersten Drittel gar nicht mehr eingegangen, es bleibt alles offen. Stattdessen wird mit Geistern geredet und die Zeit abgesessen. Die erhofften Erkenntnisse blieben bei der Lektüre von STELLA MARIS für mich leider aus. Der Perspektivenwechsel hin zur Schwester tat sicher gut, dennoch ergaben sich danach noch viel mehr Fragen als zuvor. Ist Bobby der zehnte Passagier? Ist Alicia wirklich geisteskrank? Sind Alicia und Bobby eine Person? Wenn nicht, wessen Geschichte ist dann die glaubhaftere? Geht es überhaupt um das Geschwisterpaar oder ist das alles ein großes Metaphernspiel um etwas viel Größeres?

Ich gestehe ja, dass ich McCarthy an manchen Stellen intellektuell einfach nicht mehr folgen konnte (kann man ja auch mal zugeben, sowas). Besonders, wenn die Dialoge – sowohl die von Bobby in seinen Kneipen als auch die von Alicia mit ihrem Arzt – in mathematisch-philosophische Höhen schwurbelten, bei denen ich alle paar Zeilen einen Fachbegriff nachschlagen oder die Vita eines Wissenschaftlers querlesen musste, war ich nach einiger Zeit raus. Die Bücher schreien geradezu nach einem Re-Read, nach mehrmaligen Lektüren, bewaffnet mit Lexikon und Notizblock – nur fehlen mir dazu Zeit und Lust. Cormac McCarthy hat es mir einfach zu schwer gemacht, mich für dieses Rätsel zu begeistern. Vielleicht wird die Geschichte ja mal verfilmt (der perfekte David-Lynch-Stoff), dann wäre der Weg zur Lösung – wenn es denn überhaupt eine gibt – nicht ganz so einschüchternd kryptisch und umfangreich.


DER PASSAGIER und STELLA MARIS erschienen kurz nacheinander im Rowohlt Verlag, dem ich herzlich für die Rezensionsexemplare danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur jeweiligen Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Eine kleine Bitte noch: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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