Ulrike Haidacher | DIE PARTY

A 2021 | 208 Seiten
Leykam Verlag
ISBN: 978-3-7011-8207-7

Die Party war an dem Tag, an dem ich eigentlich zu meiner Schwester fahren wollte.

(Seite 5)

Folgende Situation: Du gehst auf eine Party und hast sofort das untrügliche Gefühl, nicht dorthin zu gehören. Alle anderen Gäste reden an Dir vorbei und scheinen auf eine konspirative Weise miteinander verbunden, die Dich – und nur Dich! – ausschließt. Sie reden Zeug, von dem Du keine Ahnung oder zumindest eine andere Meinung hast, heucheln Interesse für Deine Themen vor, lassen Dich aber links liegen, wenn Du tatsächlich etwas von Dir erzählen willst, und kreisen die ganze Zeit nur um sich selbst, gefangen in einem einsamen Tanz, dessen Musik nur sie selbst hören können. Kommt Dir das bekannt vor? Wusste ich’s doch, mir auch…

Auf eine solche Party lässt Ulrike Haidacher ihre Ich-Erzählerin gehen und zieht auf eindrucksvoll eloquente Art einen gesunden Querschnitt durch unsere ungesunde Gesellschaft, die vor lauter Privilegien gar nicht mehr weiß, wie man sich ethisch und moralisch richtig verhält. Die junge Frau ist Eisverkäuferin; sie könnte auch als Uni-Lektorin arbeiten, hat darauf aber keine große Lust und gönnt sich luxuriösen Stand, für ihren Job völlig überqualifiziert zu sein. Einer ihrer Kunden – ein berühmter Theaterregisseur – spricht ihr eines Tages eine Einladung zur titelgebenden Feier aus, der sie nachkommt. Dort angekommen – es handelt sich um eine Art Koch-Happening, bei der jeder Gast mithilft –, merkt sie schnell, dass die Gäste wie von einem anderen Planten zu kommen scheinen.

Sie sind alle da: Der Künstler, der die wirklich wichtigen Persönlichkeiten der Kultur zu seinem Freundeskreis zählt, keines ihrer Werke kennt, wohl aber jeden Satz, den er je darüber verloren hat; das glückliche Pärchen, das es mit einem erfolgreichen Start-Up zu Ruhm und Wohlstand gebracht hat, und mit dem ganzen Geld ihre ausländischen Nachbarn unterstützt, die es bestimmt für ihre nächste Flucht brauchen; die schon ordentlich angetrunkene Business-Frau, die nicht mit Bussis geizt, extrem laut lacht und gerne jedem erklärt, warum sie jetzt lacht und nicht an anderen Stellen. Alle sind mega-woke, sie wissen, wie der Hase läuft und regieren insgeheim die Welt … aber auf den zweiten Blick sind sie rassistisch, sexistisch und jenseits aller Moral. Sie labern alle aneinander vorbei, treten ohne es zu wissen in jedes Fettnäpfchen und feiern sich dafür wie narzisstische Gottheiten. Die Eisverkäuferin kommt nicht einen Moment lang zum Zuge und ist verloren in dieser Party, die zunehmend zu einer Katastrophe wird.


Mein Leseerlebnis glich einem Feuerwerk aus Lachsalven und Aha-Momenten. Lange habe ich keinen Roman mehr unter die Lesebrille bekommen, der so scharfsinnig die derzeitige Möchtegern-Elite aufs Korn nimmt, wie DIE PARTY. Ulrike Haidacher – die eine Hälfte des Kabarett-Duos Flüsterzweieck – legt ein enormes Gespür für Sarkasmus an den Tag und leistet einen wichtigen Beitrag für die aktuelle Feminismus-Debatte, die mir persönlich derzeit zu sehr auf Wut setzt, zu sehr auf das Prinzip Wir-gegen-die. Haidacher schmeißt alle in ein Boot, gibt diesem einen kraftvollen Tritt und sieht zu, wie es auf den Wasserfall zutreibt.

Man kann den Roman locker in zwei, drei Stunden runterlesen, läuft dabei aber Gefahr, vieles zu übersehen. Gerade wegen dieser Themenfülle ist DIE PARTY das perfekte Buch für Lesekreise: Es stellt eine Unmenge an Fragen, zeigt mit dem nackten Finger auf die schreienden Missstände unseres Miteinanders und ist dabei schriftstellerisch gelungen und wunderbar witzig. Ich denke, ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, DIE PARTY ist in gesellschaftskritischer Hinsicht das wichtigste Buch dieses Jahres.
Ganz dringend und unbedingt lesen!


DIE PARTY erschien im Wiener Leykam Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Eine kleine Bitte noch: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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