Zaza Burchuladze | ADIBAS

GEO 2009 | 190 Seiten
OT: »adibas«

Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05021-4

Bobo kann alles. Ihre Pasta schmeckt hervorragend, sie hat alle Folgen von Lost gesehen, und blasen kann sie wie eine Göttin: voller Hingabe und Liebe. (Seite 15)

INHALT: Tiflis im Sommer 2008. Vor den Toren der Stadt stehen die Einheiten der Russischen Armee. Die Situation ist brenzlig, es gibt jede Menge Gründe zur Sorge, doch die Generation iPod der georgischen Upper-Class interessiert das einen Scheiß. Für sie findet der Krieg nur im Fernsehen oder Radio statt. Sie selbst interessieren sich nur für ihre Körper, ihre Kleidung und woher sie den Stoff für den nächsten Rausch bekommen können. Sie sind dekadent und ignorant. Ihr Leben besteht aus einem einzigen Sichverschließen vor der Welt. Sie schaffen sich eine eigene, verfälschte Realität. Alles ist gefälscht: die Markenklamotten, die Körper, die Ansichten, die Denkweisen.

FORM: Der Ich-Erzähler (der im Buch zweimal Zaza genannt wird) führt den Leser in fünfzehn Kapiteln durch seine Stadt. (Bezeichnenderweise spielt ein Großteil des Romans im Tiflisser Stadtteil Vake.) Manche Kapitel sind auch in anderen Formen verfasst, wie etwa einem Theaterstück à la WARTEN AUF GODOT (Kapitel 9 | Seite 97), als Chat (Kapitel 11 | Seite 121) oder als Horoskop für den 8. August 2008, dem Tag an dem der Kaukasuskrieg seinen Höhepunkt erreichte (natürlich Kapitel 8 | Seite 87).

Burchuladzes Sätze sind kurz, prägnant und von einem feinen Sarkasmus durchzogen. Streckenweise ist das Buch nicht jugendfrei, aber welches ist das heute noch? Eine richtige Geschichte im klassischen Sinn erzählt er nicht, eher eine Momentaufnahme einer bestimmten Gesellschaftsschicht der er (vielleicht?) selbst angehört oder die er zumindest gut kennt. Eine Gesellschaft, die keine Werte mehr kennt, sondern nur noch die Preise.

Ich muss unbedingt noch auf die äußere Erscheinung des Buches zu sprechen kommen, bei der sich der Verlag Blumenbar selbst übertroffen hat. Der Einband kommt in schwarzem Leder mit goldenen Lettern daher … alles, dem Roman entsprechend, Imitat und Fälschung, was ich sehr passend finde. Ein (un)echtes Schmuckstück im Buchregal.

FAZIT: Burchuladze, der mittlerweile in Berlin wohnt, ist eine sehr intensive Parabel über den Schein und das Sein seiner Generation gelungen. ADIBAS ist nicht sein erster Roman und ich hoffe sehr, dass sich der Verlag dieses Autors annimmt und weitere Romane veröffentlicht. Für diesen hier gibt es von mir 5 Sterne.

Sie schaltet den Fernseher ein. Der Bildschirm piepst, langsam wird es heller. Ein Handyvideo zeigt den Absturz eines brennenden Kampfflugzeugs, das am Himmel schwarze Rauchwolken hinterlässt.
»Was hat sie denn geträumt?«, fragt Naniko aus dem Laptop.
»Nichts Besonderes.« (Seite 183)

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