Indra Sinha | MENSCHENTIER

 IND/UK 2007 | 510 Seiten
OT: »Animal’s People«
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6442-1

Früher war ich ein Mensch. Erzählt man mir. Ich erinnere mich selber nicht daran, aber Leute, die mich kannten, als ich klein war, sagen, ich ging auf zwei Beinen wie ein Mensch. (Seite 9)

INHALT: Am 3. Dezember 1984 öffneten sich in Khaufpur, einer Großstadt im Herzen Indiens, die Pforten der Hölle, als nach einem Betriebsunfall in einem Chemiewerk ein ätzendes Gemisch austrat und als riesige Giftgaswolke durch die Elendsviertel schlich. Tausende Menschen verloren in dieser Nacht unter schrecklichen Qualen ihr Leben, Hundertausende erlitten unheilbare Krankheiten oder körperliche Entstellungen für den Rest ihres Lebens.

Knapp zwanzig Jahre nach dem Unfall erzählt ein junger Mann einem Journalisten seine Geschichte. Animal, wie er von allen genannt wird, wurde in jener Todesnacht geboren, verlor dort seine ganze Familie und ist seit seinem sechsten Lebensjahr anatomisch völlig verdreht: Die Giftgaswolke ließ seine Wirbelsäule falsch wachsen, sodass er sich nur auf allen Vieren fortbewegen kann. Animal erzählt vom Leben im Armenviertel Chicken Claw, von Zafar, dem Heiligen der Armen, der nie aufgibt, gegen die Verantwortlichen der Katastrophe vorzugehen, denn bisher gab es keinerlei Entschädigung für die Opfer. Er berichtet auch von Elli Barber, einer Ärztin aus den Staaten, die in Khaufpur auf eigene Kosten ein Krankenhaus eröffnet. Doch die Einwohner sind skeptisch und wittern einen Trick des Chemiekonzerns.

Als sich die Chefetage der Fabrik wieder einmal um einen Gerichtstermin herumschummelt (Korruption steht in Khaufpur auf der Tagesordung), gehen Zafar und einige Aktivisten öffentlich in den Hungerstreik. Dieser Widerstand findet in der Bevölkerung großen Anklang und eine Demonstration entsteht, die die Regierung zum Handeln zwingt. Diese jedoch fährt schweres Geschütz auf, und als Zafar nicht mehr zu retten ist, kippt die Bewegung in kollektiven Zorn und die verlassene aber nie bereinigte Fabrik geht in Flammen auf…

FORM: Das fiktive Khaufpur hat ein reales Vorbild – Bhopal. Der Unfall im Chemiewerk von Bhopal ging als schlimmste Chemiekatastrophe in die Geschichte Indiens ein und ist Ausgangspunkt für Indra Sinhas bemerkenswerten Roman. Auch die Erzählform des Buches ist außergewöhnlich: Animal, der Ich-Erzähler, bespricht dreiundzwanzig Kassetten des Journalisten; wir Leser erhalten eine genaue Abschrift dieser Kassetten, ohne Korrektur, mit allen Fehlern und Ungenauigkeiten. Denn obwohl Animal wahrlich kein dummer Junge ist, hat er doch das Schandmaul seines Viertels geerbt und spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das ist zum Teil recht derb, überwiegend aber doch sympathisch. Er spricht frei von der Leber weg über alles und jeden, über die Armen und die Reichen, über die Mädchen und seine Libido, über Ängste, Wünsche, Religionen und legt dabei eine ganz ursprüngliche Aufrichtigkeit an den Tag.

Wenn Religionen wahr wären, würde es nicht so viele von ihnen geben, bloß eine für alle. Klar behauptet jeder, daß seine die einzige wahre ist, die Trottel merken nicht, daß das sogar noch unlogischer ist. Mal angenommen, die Leute würden so über Schönheit reden, wie dämlich würde sich das denn anhören? Mir tut in solchen Momenten Gott leid, der wie ein Stück Fleisch, um das sich Hunde zanken, in Stücke gerissen wird. Ich, ich, ich, darum geht’s doch bei Religion, wo ist da denn noch Platz für Gott? (Seite 289)

Indra Sinha stand 2007 mit MENSCHENTIER auf der Shortlist des Man-Booker-Preises, musste sich jedoch Anne Enright geschlagen geben. Die mir vorliegende Ausgabe erschien in der sehr empfehlenswerten Reihe WELTLESE der Büchergilde Gutenberg, für die Ilija Trojanow als Herausgeber die ehrenvolle Aufgabe hat, Romane aus literarisch eher unbekannten Ländern der deutschen Leserschaft verfügbar zu machen.

FAZIT: Ein wunderbares Buch, das trotz der unfassbaren Leiden der Opfer und der geschilderten Armut viel Humor und Hoffnung in sich trägt. Auch Begriffe wie Freundschaft, Liebe, Respekt und Vergebung werden zwischen den Zeilen immer wieder behandelt. Für mich ein ganz klarer 5-Sterne-Roman.

3 Gedanken zu “Indra Sinha | MENSCHENTIER

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