Aravind Adiga | DER WEISSE TIGER

  IND/USA 2008 | 320 Seiten
OT: »The White Tiger«

C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-57691-1

Wenn Sie meine Geschichte gehört haben – wie ich nach Bangalore gekommen und dort einer der erfolgreichsten (wenn auch am wenigsten bekannten) Geschäftsleute geworden bin –, dann wissen Sie alles, was Sie über das Entstehen, Fördern und Entwickeln von Unternehmergeist in diesem glorreichen 21. Jahrhundert des Menschengeschlechts wissen müssen.
Genauer gesagt, im Jahrhundert des gelben und braunen Mannes.
Ihres und meines. (Seite 12 f.)

INHALT: Balram Halwai, erfolgreicher Taxiunternehmer in Bangalore, sitzt in seinem Büro und schreibt in sieben Nächten seine Lebensgeschichte (unaufgefordert) per Mail an Wen Jiabao, den chinesischen Ministerpräsidenten, der sich für einen Staatsbesuch in Indien angekündigt hat. In diesen E-Mails steht, dass Halwai keineswegs schon immer seiner Kaste angehörte, sondern aus ärmlichen Verhältnissen stammte. Sein Vater, ein Rikschafahrer (der so ziemlich unehrenhafteste Beruf), und seine kranke Mutter waren so arm, dass sie sich gerade noch die fünfjährige Grundschulausbildung für ihren Sohn leisten konnten, nicht mal einen richtigen Namen hatte Balram zunächst. Als sich die weitverzweigte Familie erneut tief verschuldet, weil eine Cousine heiratet und eine Mitgift bezahlt werden muss, zieht Balram mit seinem Bruder nach Dhanbad und arbeitet in einem Teeladen.

Mit ein bisschen Geld und Glück ergibt sich die Chance als Fahrer in Neudelhi zu arbeiten und es beginnt der Aufstieg für Balram. Er chauffiert den schnöseligen Dandy Mr. Ashok (aus einer Geldgeberfamilie mit engen Beziehungen zu Wirtschaft und Staatspolitik) und seine divenhafte Frau Pinky durch die brodelnde Stadt von Termin zu Termin, hält immer seine Ohren offen und lernt dabei, wie Indien im Kern funktioniert. Das bringt ihn auf einen Gedanken, der ihm etwas ungeheuerliches in Aussicht stellt, etwas, das in Indien eigentlich nicht möglich ist: Ein Wechsel von einer niederen in eine höhere Kaste.

Das Buch deiner Revolution liegt dir im Magen, junger Inder. Du musst es nur ausscheißen und lesen.
Aber statt dessen sitzen sie alle vor ihren Farbfernsehern und schauen Crickett und Shampoowerbung an. (Seite 302)

FORM: Aravind Adiga (*1974) legte 2008 mit DER WEISSE TIGER einen fulminantes Debüt hin, dem ein weltweiter Erfolg beschieden war und der jede Menge Preise einheimste, darunter auch den renommierten und hochdotierten Man Booker Prize – völlig zurecht. Mit großartigem Humor lässt er seinen Helden Balram durch dessen Leben schwafeln, verleiht ihm mit der Kindheit in der Finsternis Gewicht, ergänzt ihn mit bauernschlauer Selbstsicherheit und erschafft auf diese Weise eine schillernde Figur voller Fehler und Gegensätze, die mir persönlich noch lange in Erinnerung bleiben wird. Adiga hat auch ein gutes Händchen für Vergleiche und kann mit einfachen Bildern ganze Staatsapparate erklären. Hierzu sei besonders die E-Mail der fünften Nacht (ab Seite 173) zu nennen, in der Balram dem chinesischen Premier das indische Kastensystem am Modell eines Hühnerkäfigs auf einem Marktplatz erklärt. Allein dieses Kapitel lohnt schon die Lektüre.

FAZIT: Wer Indien mal abseits der tanzenden Bollywood-Schönheiten in ihren bunten Saris, abseits der Holi-Feste und Goa-Parties kennenlernen möchte, dem sei dieser Roman wärmstens ans Herz gelegt. 5 Sterne!

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