Amy Waldman | DAS FERNE FEUER

USA 2019 | 496 Seiten
OT: »A Door in the Earth«
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-168-1

Sobald sie die Straße sah, wusste sie, was ihn daran gereizt hatte.

(Seite 9)

Die junge Berkeley-Studentin Parvin reist von Kalifornien ins ferne Afghanistan, um dort in einer Klinik mittellosen Frauen bei der Niederkunft beizustehen. Vor ein paar Jahren wurde die Klinik in einem großen Akt humanitärer und finanzieller Selbstaufopferung von Dr. Gideon Crane quasi aus dem Nichts aufgebaut. Über den Bau, die widrigen Umstände und die Gefahren in diesem wunderschönen, aber vom Bürgerkrieg zerfressenen Land hat Crane ein Buch geschrieben, das in den Vereinigten Staaten ein Bestseller wurde und sich in kurzer Zeit zum Standardwerk in Sachen Afghanistan und der gesellschaftlichen und politischen Lage dort gemausert hat.

Angefixt vom Wunsch, helfen zu wollen, und in der Überzeugung, durch Cranes Buch ausreichend informiert zu sein, kommt Parvin also in der kleinen afghanischen Siedlung an und muss feststellen, dass nichts so ist, wie im Buch beschrieben. Es sind nicht nur lapidare Ungenauigkeiten oder schriftstellerische Freiheiten, die sich Crane erlaubt hat, nein, Parvin entblättert eine glatte Lüge nach der anderen. Was zunächst nur verwunderlich ist, wird zunehmend ärgerlich, am Ende sogar lebensgefährlich, da sich das amerikanische Militär in der Gegend ebenfalls auf Cranes (Fehl-)Informationen stützt. So wird der Aufenthalt in dem ohnehin schon komplizierten Land für Parvin zu einer harten Prüfung.


Amy Waldman (*1969) ist von Hause aus Journalistin und gilt als Asien-Expertin. Drei Jahre lang leitete sie das Büro der New York Times in Neu-Delhi, davor war sie Reporterin in New York City und beschäftigte sich intensiv mit den Nachwirkungen und der Aufarbeitung der Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001. Wir haben es also mit einer vertrauenswürdigen und kompetenten Autorin zu tun – eine nicht ganz unwichtige Information, wenn es um ein Buch geht, das zur Prämisse hat, dass in Büchern über ferne Länder gelogen werden kann.

Afghanistan gehört sicher nicht zu den Ländern, in die man freiwillig in den Urlaub fährt. Außer den Angehörigen des Militärs oder der humanitären Organisationen und ein paar Wenigen, die aus beruflichen oder familiären Gründen dorthin müssen, gibt es wohl kaum jemanden, der sich aus freien Stücken in dieses Land verirrt, so schön es auch sein mag. Wenn man also etwas über Afghanistan erfahren will, muss man auf Zeitzeugenberichte und Quellen aus zweiter und dritter Hand zurückgreifen – und ihnen vertrauen. Bei Ländern, die gleich um die Ecke liegen, die man – in Nicht-Pandemie-Zeiten – ohne weiteres besuchen kann, ist es ein Leichtes, sich von den geschilderten Begebenheiten zu überzeugen. Bei asiatischen Krisengebieten sieht das schon anders aus. Ob es viele Bücher und Berichte gibt, die mancherlei Geschehnisse absichtlich beschönigen oder verfälschen? Kommt vielleicht auf den Auftraggeber an, Stichwort: Massenvernichtungswaffen im Irak. Ein heikles Thema. Und ein hinterlistiges Spiel, das die Autorin hier treibt…

Amy Waldman hat natürlich den klaren Vorteil der Romanautorin: DAS FERNE FEUER ist ein fiktives Buch, das – anders als jedes Sachbuch – nicht dem Anspruch auf Realitätsnähe folgen muss. Parvin hätte auch von einem feuerspeienden Drachen entführt werden können … das wäre dann zwar ein furchtbar schlechtes Buch, aber Waldmans gutes Recht gewesen. Spaß beiseite: An der Vertrauenswürdigkeit der Autorin ist nicht zu rütteln; man kauft ihr jedes Wort ab. Die Beschreibungen der Landschaft, der Dorfbewohner, der sozialen und politischen Lage – ohne je dort gewesen zu sein, habe ich das Gefühl, das Land jetzt ein wenig besser zu kennen und zu verstehen. Ein Gefühl, das immer mit guten Büchern einhergeht.

Der einzige Wermutstropfen ist die doch sehr nüchterne Sprache, die sicherlich in Waldmans Journalistinnen-Dasein begründet ist. Zu den spannenden Szenen des Buches passt dieses Reportagenartige ganz gut, ansonsten hätten ein bisschen mehr Poesie und ein paar rhetorische Tricks den Text noch etwas runder wirken lassen. Auch die Übersetzerin hätte so einige völlig verstaubte Redewendungen umgehen können; da wird schon mal wie Espenlaub gezittert – so etwas muss heutzutage nun wirklich nicht mehr sein.
Alles in allem aber: Ein gutes Buch, das wichtige Fragen aufwirft.


DAS FERNE FEUER erschien beim Schöffling Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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