Jon Fosse | ICH IST EIN ANDERER

N 2021 | 368 Seiten
OT: »Eg er ein annan. Septologien III-V«
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-02142-9

Und ich sehe mich dastehen und das Bild mit den beiden Strichen anschauen, einer ist lila, einer braun, sie kreuzen sich in der Mitte und ich denke, es ist so kalt in der Stube und es ist zu früh zum Aufstehen, egal, wie spät es ist, also warum bin ich aufgestanden? denke ich und ich mache das Licht in der Stube aus und ich gehe in die Schlafkammer und ich mache dort das Licht aus und ich lege mich wieder ins Bett und wickele mich gut in die Decke…

(Seite 11)

…und ich denke, manchmal ist es besser, einfach im Bett zu bleiben, denn die Luft da draußen ist so drückend heiß und die Leute da draußen sind schrecklich kalt und die Welt da draußen ist so furchtbar ungerecht und ich denke, ich bleibe einfach hier liegen und lese ein gutes Buch, eines, in das man sich fallen lassen kann wie in ein weiches Federbett, denke ich und ich erinnere mich an Jon Fosse, der ein Leben oder vielleicht auch sein Leben, das ist schwer zu sagen, in sieben langen Kapiteln niedergeschrieben hat, von denen ich den Band mit den ersten beiden langen Kapiteln vor fast drei Jahren schon gelesen habe, und ich denke, das ist schon eine recht lange Pause für einen Romanzyklus, der wie aus einem Guss geschrieben ist und der vielleicht auch für eine Lektüre in einem Guss geschrieben wurde, denke ich und ich denke, dass ich vielleicht besser hätte warten sollen, bis alle Bände mit allen sieben langen Kapiteln veröffentlicht wurden, um dann die Lektüre in einem einzigen langen Ritt durchzuziehen, so wie es vielleicht von Fosse gedacht war, denke ich aber ich denke, nun ist es zu spät und ich habe die Reise vor drei Jahren begonnen, habe eine lange Pause gemacht und nun setze ich die Reise fort, als ob dazwischen nie eine so lange Zeit vergangen wäre, obwohl ich bei solch langen Unterbrechungen immer das Problem habe, mich ausreichend an die Geschichte zu erinnern, denn meistens weiß ich von Büchern nach ein paar Jahren nicht mehr so viel von der Geschichte, eher behalte ich etwas von der Atmosphäre oder den Figuren oder dem Schreibstil in Erinnerung, denke ich und so wird das auch bei Fosse sein, nehme ich an und ich nehme den zweiten Band mit den nächsten drei langen Kapiteln zur Hand und vergleiche ihn mit dem Band mit den ersten beiden langen Kapiteln, einer ist grau, der andere auch, und ich denke erst, dass sie beide exakt gleich aussehen, aber dann schaue ich genauer hin und ich sehe, dass es mir nur auf den ersten Blick so vorkam, dass sie gleich aussehen, aber in Wirklichkeit ähneln sie sich nur, denke ich und erinnere mich an das Sprichwort mit dem Mann und dem Fluss und denke, dass sich auch Wolken und Wellen und Wiesen und Wälder jeweils ähneln und doch nie die gleichen sein können, denke ich und ich denke, dass das gut so ist, dass die Natur mit ihren vielen Regeln und unumstößlichen Gesetzen seit Milliarden von Jahren Dinge hervorbringt, die sich ähneln aber nie die gleichen sein können und auch nie die gleichen sein dürfen, denn absolut Identisches ist von der Natur nicht vorgesehen, denke ich und ich denke, absolut Identisches kann nur vom Menschen stammen und ist somit per se fehlerhaft, und ich denke an Computerchips und Mobiltelefone und Autoteile und Tupperdosen und ich nehme an, dass das alles Dinge sind, die es ohne den Menschen nie auf der Welt gegeben hätte und ich überlege, ob es der Welt ohne den Menschen nicht viel besser ergangen wäre, denn ganz egal, wie sehr uns diese Dinge das Leben erleichtern, irgendwann ist das alles Schrott, und ganz egal wie wertvoll uns manche dieser Dinge jetzt vorkommen mögen, irgendwann landet das alles auf dem Müll, nehme ich an und ich überlege, ob es etwas wirklich Wichtiges gegeben hat, auf das der Mensch stolz sein kann, ob es etwas gibt, für das es sich zu leben lohnt, und ich muss gar nicht lange überlegen und sage mir, es ist die Kunst, es kann nur die Kunst sein, denke ich und ich denke an Gemälde und Sinfonien und Tänze und Gedichte und Instrumente und Skulpturen und Bücher, und als ich an Bücher denke, denke ich an Asle, den Künstler aus Jon Fosses Heptalogie, der sein Leben auch der Kunst widmet, der malt, seit er ein Junge war, doch nun ein alter Mann ist, der viel durchlitten hat, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und von seinen Eltern schon nicht verstanden wurde und überhaupt mit seiner Malkunst nur selten auf Verständnis stieß, sich davon aber nicht aufhalten ließ und Jahrzehnte lang abstrakt malte und das immer noch tut, obwohl die Leute verständliche Bilder wollen, Bilder auf denen man was erkennen kann, Bilder von Tieren oder von Häusern oder von Wäldern, leicht verständliche Bilder, die sie sich dann in ihre Zimmer hängen und anschauen können, obwohl sie Tiere und Häuser und Wälder jeden Tag und überall auf der Welt sehen können, diese Kleingeister, die zu wahrer Kunst keinen Zugang finden und denken, wenn sie sich für ein kleines Vermögen ein Bild von einem Tier vor einem Haus in einem Wald kaufen und ins Zimmer hängen, sind sie große Kunstexperten, die sie aber natürlich nicht sind, aber Asle regt sich darüber nicht auf, denn ein Künstler steht jenseits solcher Überlegungen und folgt einfach seinem Herzen, das ihn zum nächsten Kunstwerk führt, aber Asle muss ja auch von etwas leben und kann nicht immer nur Bilder malen, die nur selten jemand kauft, weil auf seinen Bildern eben nichts leicht Erkennbares gemalt ist, und deswegen malt er ab und zu auch mal ein Bild mit einem Haus, dass dann jemand kauft und sich ins Zimmer hängen und anschauen kann, obwohl derjenige jede Menge Häuser sehen kann, wenn er nur mit offenen Augen durch die Welt ginge, und ich denke, das ist ein guter Zug von Asle, den Leuten auch manchmal zu geben, was sie brauchen oder wollen oder glauben, brauchen zu müssen, denn ich denke, Kunst ist, was die Leute glücklich macht, denke ich und ich denke, wenn ein Bild von einem Haus jemanden glücklich macht, hat das Bild seinen Zweck erfüllt, und ich denke, wenn jemand einen Ballermann-Hit einer Bruckner-Sinfonie vorzieht, dann tut er das wohl, weil es ihn glücklicher macht, und das ist doch wohl ohne Zweifel der bestmögliche Grund für fast jede Entscheidung des Lebens, und da denke ich abschließend, dass ich froh bin, mich nach fast drei Jahren ein weiteres Mal für Fosse entschieden zu haben, denn seine Texte lassen mich immer ein bisschen tiefer in die Kunst hinab als andere Texte, was mich sehr glücklich macht und dafür kann ich ihm nur danken und hoffe ganz inständig, dass nicht wieder drei Jahre vergehen werden, bis ich die letzten beiden langen Kapitel seiner Heptalogie lesen darf, denke ich, lege die Bücher weg, drehe mich zur Seite und schlafe wieder ein…


ICH IST EIN ANDERER erschien in der hervorragenden Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel beim Rowohlt Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Jon Fosse | ICH IST EIN ANDERER

    • Vielen Dank für das Lob! Freut mich sehr!
      Daran gedacht habe ich natürlich schon oft, aber für ein großes Projekt fehlt es – neben Familie und Beruf – an Zeit und Disziplin. Mit meinen Rezensionen bin ich schon ganz gut beschäftigt.

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