Dietmar Dath | DIE ABSCHAFFUNG DER ARTEN

D 2008 | 555 Seiten
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-42012-8

Während das Rudel die Küste hinunterstrich, blieben vereinzelte Wölfe zurück und ruhten sich aus. (Seite 13)

INHALT: In einigen hundert Jahren ist die Herrschaft der Menschen über die Erde Geschichte. Die Gente, hochintelligente Tiere, die sich artübergreifend verständigen können, haben alle Macht auf dem Planeten inne. Sie leben in drei riesigen Städten, die ganze Erdteile einnehmen, geführt Cyrus Golden, dem gottgleichen Löwen. Als sich im südamerikanischen Dschungel die Keramikaner als eine weitere Spezies entwickelt und zur echten Gefahr für die Gente wird, sendet Cyrus den Wolf Dmitri als Botschafter aus, um Verbündete im Rest der Welt zu finden. Auf seiner Reise durch die Kontinente und Ozeane lernt Dmitri viel über die Menschen und warum ihre Kultur untergehen musste und er erkennt, dass den Gente (sic!) ähnliches bevorsteht. Wenn sie nicht untergehen wollen, müssen sie expandieren, ihren Lebensraum erweitern. Das ist der Elite der Gente schon längst bekannt und die Fertigung riesiger Archen ist in vollem Gange. Auch die Ziele des Exodus stehen fest: Die Venus und der Mars, wo die Nachkommen Cyrus Goldens die weiteren Gechicke der Gente leiten sollen…

FORM: Dietmar Dath schreibt, wie man es von ihm gewohnt ist: dicht, komplex und überbordend. Ein sehr wortreicher, zum Teil aber furchtbar sperriger Text, den er seinen Lesern da vorsetzt. Das fängt bei den kryptischen Namen an (Katahomenleandraleal, Ryu von Schnaub-Villalila, Lasara Iemelian Oktet Chukwudi Ottobah Sandra Belle Placide Lais Olbers Vinicius Golden, um nur einige zu nennen) und endet damit, dass man bis zum Schluss eigentlich nicht weiß, wohin die Reise gehen soll. Ständig werden neue Gestalten vorgestellt, Richtungen geändert, Haken geschlagen. Man wird mitgerissen, ohne Verschnaufpause, ohne Fragen nach dem Wohlbefinden. Hinzu kommt, dass Dath von einem immensen Bildungsstand zehren kann, gerade in Bezug auf Wissenschaft, Technik und Philosophie, und dies auch auf jeder Seite zur Schau stellt. Wer das nicht mag, wird jämmerlich untergehen. Durchhalten lohnt sich aber, denn auf den letzten fünfzig Seiten wird klar, was am Ende von allem übrigbleiben wird – Und das ist wunderschön.

FAZIT: Keine leichte Kost … mal wieder. DIE ABSCHAFFUNG DER ARTEN bietet sehr viel Angriffsfläche und wenn man Dietmar Dath von vornherein nicht gewogen ist, wird auch dieser Roman nichts daran ändern – im Gegenteil. Ich gebe gern zu, dass der vorliegende Roman meinen Horizont in einigen Passagen weit überschritten hatte. (Ich denke (oder hoffe?), dass das den meisten Lesern so ergeht.) Das kommt freilich öfter vor, allerdings hatte ich diesmal keinerlei Bedürfnis, die Bildungslücken zu schließen. Ich war von dem Text einfach zu erschlagen, als dass ich noch Kräfte hätte mobilisieren können, weiter in die Materie einzudringen. Es gibt Autoren, die machen es einem leicht, ihren Visionen zu folgen. Dath gehört nicht dazu: Er ist brutal und so gnadenlos, wie das berühmte Kind, das mit dem Brennglas überm Ameisenhaufen hockt. In jedem Fall nimmt er in der deutschen Literatur eine Sonderstellung ein.

Andererseits darf man den Nährwert des Buches nicht ignorieren. DIE ABSCHAFFUNG DER ARTEN hat neben den nerdig-wissenschaftlichen auch wunderbar poetische Szenen, humorvolle Dialoge und tolle Charaktere. Ich bin hin- und her- und hin- und hergerissen … 3 Sterne.

So geschah es; und damit fingen Leben an, wie es sie nie zuvor gegeben hatte. (Seite 552)

5 Gedanken zu “Dietmar Dath | DIE ABSCHAFFUNG DER ARTEN

    • Danke! Genau diese Ambivalenz wollte ich mit der Rezension ausdrücken. Es gab lange Durststrecken, in denen ich mich, kurz vorm Aufgeben, fragte, wann das Buch endlich vorbei ist. Dann wieder Passagen, von denen ich mehr als begeistert war. Dath war mir kein Unbekannter, ich wusste also in etwa worauf ich mich einlasse; trotzdem habe ich mich rückblickend doch eher schwer getan als das Ganze zu genießen.

      Wie viele Daths warten denn noch in Deinem SuB?

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      • Dieser wäre der erste, aufgrund deiner „Empfehlung“ . Locken würde mich auch „Leider bin ich tot“ Ab und an genieße ich es das Hirn ein wenig zu fordern. Gerne im Wechsel

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      • Oha! Zum Kennenlernen ist DIE ABSCHAFFUNG DER ARTEN ein ganz schöner Brocken. Viel Spaß!

        Ich hatte mich vor ein paar Jahren an WAFFENWETTER und SÄMMTLICHE GEDICHTE gewagt, die mich ähnlich forderten. Für die nächste Zeit bin ich von Dath erstmal geheilt, obwohl er ein sehr interessanter Autor bleibt und nicht unsympathisch ist.

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