Kim de l’Horizon | BLUTBUCH

CH 2022 | 336 Seiten
DuMont Verlag
ISBN: 978-3-8321-8208-3

Beispielsweise habe ich »es« dir nie offiziell gesagt.

(Seite 9)

Zu den inhaltlich schillerndsten und stilistisch einfallsreichsten Neuerscheinungen in diesem Jahr zählt ohne Zweifel Kim de l’Horizons autofiktionaler Roman BLUTBUCH. Hierin wird in zahlreichen Rückblenden das Heranwachsen einer nonbinären Ich-Erzählfigur in einem heruntergekommenen Schweizer Vorort geschildert, die schließlich – emanzipiert und selbstbewusst – während des Sterbeprozesses der Großmutter über die Familiengeschichte und die eigene Rolle in der Welt sinniert.

Zwei romanumfassende Metaphern sind es, auf die Kim immer wieder und mit großer erzählerischer Finesse zurückgreift. Zum einen das Wort ›Meer‹, das in der eigentlichen Bedeutung ozeanische Weiten und große Kräfte konnotiert, für die Figur aber auch die Mutter bezeichnet. Im Berndeutschen Dialekt ist die Mutter die Meer und die Großmutter die Grossmeer (vom Französischen la mère), und so groß und unbändig wie das Gewässer ist auch die Liebe zu und von ihnen. Gleich in der dem Text voranstehenden Widmung heißt es: »Für meine Meere« – das Spiel mit der Sprache beginnt also schon vor der ersten Seite. Die andere Metapher ist die riesige Blutbuche, die im Garten des großelterlichen Hauses steht. Für die Erzählfigur ist dieser rotlaubige Baum sowohl Rätsel als auch Anker. Schon als Kind fragt sie sich, wie dieser Baum so groß und unerschütterlich stark werden konnte zwischen all den grünen Bäumen. Die Antwort lautet: Dastehen. Die Blutbuche wird dem Kind zum Lebensbaum – im aufkeimenden Bewusstsein, in dieser Welt nicht der Norm zu entsprechen, nimmt es sich an ihr ein Beispiel und wächst und gedeiht.


Kim hat ein unfassbares Gespür für Sprache, wendet sie hin und her, dreht sie um die eigene Achse und vermischt sie mit sich selbst. In den fünf sehr unterschiedlich geschriebenen Kapiteln zeigt Kim eine ganze Fülle von rhetorischen Tricks und stilistischen Spielereien. Es werden Briefe geschrieben, mitunter Fußnoten an Fußnoten gehängt und nahezu der ganze mütterliche Stammbaum ab dem 14. Jahrhundert geschildert. Das komplette Kapitel 5 ist auf Englisch verfasst – Briefe an die Grossmeer, die diese auf Deutsch zwar verstehen, aber wahrscheinlich zu sehr empören könnten –; die Übersetzung dazu ist dem Buch angehängt, allerdings von hinten nach vorn, um 180 Grad gedreht und durch ein Übersetzungsprogramm abgeleitet. Auf diese Weise kommt eine weitere – automatisierte – Sprache hinzu, die die Lektüre zum Ende hin einmal mehr zur Herausforderung macht. All diese Stilmittel sind einzeln gesehen nicht neu, aber in dieser sinfonischen Zusammenstellung ein wahres Feuerwerk an Innovation.

Das Einzige, was diesen literarischen Hochgenuss stört, sind die Sexszenen. Was bitte soll das? Wie kann man einen so poetischen, lebensfrohen und schönen Text nur immer wieder mit dermaßen überzogenem, ja pornografischem Geficke versauen? Kim findet für alles die richtigen Worte, selbst für die schlimmsten Momente im Leben der Erzählfigur – warum nicht auch für den Sex? Kim will anecken, will überraschen und Grenzen sprengen – okay, verstanden –, aber diese Szenen sind weder innovativ noch folgen sie irgendeinem Konzept; sie sind einfach nur billig und stümperhaft. Außerdem kam ich an zwei Stellen ordentlich ins Stolpern, was die Legalität der Handlungen angeht: Auf Seite 142 wird Sex mit einem Minderjährigen angedeutet (was, soweit ich weiß, auch in der Schweiz verboten ist), ab Seite 160 eine Quasi-Vergewaltigung eines völlig Fremden beschrieben, frei nach dem Motto: »Hoppla, hab Dich verwechselt … naja wurscht, war trotzdem geil.« Solche Szenen verderben – bei aller Fiktionalität – meinen persönlichen Jubel um das Buch immens. Das sind meines Erachtens krasse Überschreitungen, auf die im Nachgang überhaupt nicht mehr eingegangen, sondern munter weitergevögelt wird. (Nur für’s Protokoll: Über weißen Cis-Hetero-Autoren wurde in den letzten Jahren schon für sehr viel weniger eimerweise Shitstorm abgeladen.)

BLUTBUCH mit dem Deutschen Buchpreis auszuzeichnen, war dennoch eine gute Entscheidung. Ein wichtiges Zeichen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dass queere Literatur endlich dort angekommen ist, wo sie hingehört – ganz oben. Was de l’Horizon aus dem plötzlichen Ruhm macht, wird die Zeit zeigen. Der Status der ›Gallionsfigur der LGBTQ-Literatur‹ ist Kim zumindest sicher.


BLUTBUCH erschien im DuMont Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Kim, sowie eine Leseprobe findet.

Eine kleine Bitte noch: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

6 Gedanken zu “Kim de l’Horizon | BLUTBUCH

  1. Ein toller Beitrag!
    Diese übertriebenen Darstellungen der Sexszenen haben und werden mich nicht zu dem Buch greifen lassen. Trotzdem sicher ein gutes Buch, ein Aufmerksam machen der Szene.

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für Deine prägnante und offene Besprechung des Titels, der ja gerade in aller Munde bzw. auf aller Blogseiten steht. Ich sag mal: Von allen Rezensionstexten hat mir Deiner am meisten gebracht: Erkenntnis & Ehrlichkeit.

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