Kristen Roupenian | CAT PERSON

USA 2019 | 284 Seiten
OT: »You Know You Want This«
Aus dem Amerikanischen von Nella Beljan und Friederike Schilbach
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05057-3

Unser Freund kam neulich abends bei uns vorbei. (Seite 11)

Ich hatte mir ja vorgenommen, in diesem Jahr verstärkt auch Bücher mit Kurzgeschichten zu besprechen. Und welcher Band wäre in diesem Januar geeigneter als Kristen Roupenians CAT PERSON, dessen Titelgeschichte laut The Guardian als »meistdiskutierte Story aller Zeiten« gilt?

CAT PERSON, in der es um zwei junge Menschen geht – Margot und Robert –, die sich eigentlich kaum kennen, nach ein paar Chats aber schon miteinander schlafen, obwohl sie sich nicht mal sonderlich mögen – und nach dem Sex noch viel weniger –, wurde nach der Veröffentlichung Ende 2017 im New Yorker zur viralen Sensation und erreichte Platz 1 in den Klick- und Downloadzahlen des Magazins. Die Menge an Themen, die Roupenian (*1982) allein in dieser relativ simplen Story anging, war enorm – die #MeToo-Debatte, die sexorientierte Emotionslosigkeit beim modernen Dating, das heutige Frauenbild –, die  darauf folgende Rezeption und Verbreitung des Textes wichtig und gerechtfertigt. Endlich kommt mal jemand und beschreibt den Wesenskern einer ganzen Generation und eine der größten sozialen Problemzonen dieser Zeit – nämlich die zwischenmenschliche Kommunikation – auf den Punkt genau!

»Smart media used by dumb people« ist aber nicht der einzige Spielplatz auf dem sich Roupenian austobt. Mit VERNARBT wagt sie sich in phantastische, mit NACHTLÄUFER in unheimliche, und mit DER SPIEGEL, DER EIMER UND DER ALTE KNOCHEN sogar in märchenhafte Gefilde vor. In MATCHBOX SIGN geht es um die neuen Krankheiten der modernen Zeit und in BEISSERIN um eine Frau, die ungewollt zur Heldin wird – eine Geschichte, die mich in ihrer Antimoral an Scorseses TAXI DRIVER erinnert, und diesen Vergleich überhaupt nicht scheuen muss. Allerdings gibt es auch einige Storys, denen man anmerkt, dass sie vielleicht als Lückenfüller in die Sammlung aufgenommen wurden. DER JUNGE IM POOL ist zum Beispiel ein solcher Text, der mir irgendwie nichts gab. Sicher aber lastete auf der Autorin ein enormer Druck, nach dem Überraschungserfolg im Netz eine Veröffentlichung folgen zu lassen, da bleiben solche Fehlschüsse nicht aus.

Thematisch ist Roupenian jedenfalls gut aufgestellt. Und wenn man nun unbedingt nach einem Zusammenhang in den so unterschiedlichen Geschichten suchen möchte, findet man ihn wohl am ehesten in den ungleichen Machtverhältnissen verschiedener Menschen. Und dabei schlägt sich Roupenian gar nicht auf eine bestimmte Seite, sondern lässt sowohl Mann als auch Frau, jung und alt, arm und reich, in die Fallen der modernen Welt tappen – jeder darf mal.

Alle Geschichten sind gut konstruiert und souverän – für den Zündstoff, den sie teilweise enthalten, fast zu unaufgeregt – geschrieben. Die einzige stilistische Spielerei, die sich Roupenian hin und wieder gönnt – und an die wir Leser uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wohl gewöhnen müssen – ist das Einbinden von Chatverläufen in den Erzähltext, als handele es sich hierbei um wörtliche Rede. Auch das häufige Googeln ist mir bei Prosatexten vorher noch nie so stark aufgefallen. Ich weiß: Das sind seit Jahren alltägliche Dinge, die besonders die unter 20-Jährigen als selbstverständlich ansehen, aber in der Belletristik, so habe ich das Gefühl, kommt das erst jetzt und nach und nach an.

Es bleibt zu sagen, dass Kristen Roupenian mit CAT PERSON eine vielseitige und sehr lesenwerte Storysammlung vorgelegt hat, die nicht nur mit der Titelerzählung für reichlich pikanten Gesprächsstoff sorgen dürfte. Das perfekte Buch für jeden Lesekreis, denn endlose Diskussionen sind quasi vorprogrammiert.


9783351050573CAT PERSON ist im Blumenbar-Verlag erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe mit der ersten Story BÖSER JUNGE findet Ihr hier. Weitere Besprechungen könnt Ihr bei der Buchbloggerin, Tag und Nacht und Sätze & Schätze lesen, bei denen das Buch (mit leichten Abstrichen) ebenfalls gut ankam. Und wie immer noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

4 Gedanken zu “Kristen Roupenian | CAT PERSON

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