Jonas Lüscher | KRAFT

CH 2017 | 237 Seiten
C.H.Beck
ISBN: 978-3-406-70531-1

Das Rumsfeldporträt hängt direkt in Krafts Blickachse. (Seite 5)

INHALT: Nicht weniger als eine Million Dollar wartet auf denjenigen, der die beste Antwort auf die Frage liefert, warum alles, was ist, gut ist und wie es dennoch verbessert werden kann. Perfektes Timing, denn Richard Kraft, angesehener Rhetorikprofessor an der Universität Tübingen, steht das Wasser bis zum Hals. Sowohl finanziell als auch privat ist es nicht gut bestellt um Kraft, dem eine teure Scheidung droht. Also macht er sich auf den Weg an die Stanford University nahe San Fransisco um am Philosophenwettstreit teilzunehmen und die Freiheit nach Hause zu holen. Doch in Kalifornien angekommen, stellt sich bei Kraft sofort eine lähmende Schreibblockade ein, die ihn mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert.

FORM: Jonas Lüscher (*1976) hat mit Richard Kraft eine Figur geschaffen, wie sie einem nur selten unterkommt. Kraft ist selbstverliebt und egoistisch, ein penetranter Schwätzer, der sich oft in tragisch-heroischen Szenen vorstellt, am Ende des Tages aber genauso ein Loser ist wie wir alle. Lüscher schafft es, beim Leser Gefühle für einen totalen Unsymphaten zu wecken und man merkt gleich nach zwanzig Seiten – hier ist ein Zyniker am Werk, jemand, der sein Umfeld genau beobachtet, um es später mit großem Genuss vorzuführen. Allein der Aufhänger des Romans – die Beantwortung einer der philosophischsten Fragen überhaupt, mit so etwas Unphilosophischem wie einer Million Dollar zu bewerten – zeigt den bissigen Humor Lüschers.

Der Schreibstil ist, passend zum elitären Personal, hochgesteckt und verschwafelt. Lange verschwurbelte Sätze, die ich manchmal – zugegebenermaßen – mehrmals lesen musste, um zu erkennen, was da eigentlich erzählt wird. So dick wie Sirup, nur nicht so süß, ist die Sprache, die den Leser durch das Geschehen drückt – das erinnert ein wenig an die Upper-Class-Romane Martin Walsers. Leider wurde ich bis zum Schluss nicht so recht warm mit Lüschers Duktus, der auch in FRÜHLING DER BARBAREN schon anklang – einer der Gründe, warum ich sein Debüt vor ein paar Jahren in der Buchhandlung liegen ließ.

FAZIT: Ein hellsichtiger Roman mit einer grandiosen Hauptfigur. Nur … es muss nicht mehr Butter als Schinken auf der Stulle sein. Vier Sterne.


Viele Blogs waren über Lüschers KRAFT voll des Lobes, unter anderen Marina Büttner, Das graue Sofa, letusreadsomebooks und der feine reine Buchstoff.

Ich danke dem Verlag C.H.Beck für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier.

5 Gedanken zu “Jonas Lüscher | KRAFT

  1. Ich fand die Butter/ Schinken Relation sehr ausgewogen. (Schöne Illustration *G*) Mochte aber auch die gehörige Dosis Zynismus und konnte mich im Geschwafel aalen. Nicht jedem seins und auch der Zeitpunkt ist entscheidend.
    Eine gute Lesefreundin war auch abgestossen vom Geschwätz bis sie den Autor live erlebt hat.
    Schön, dass es jetzt eine gegenteilige Meinung zu lesen gibt.

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank! Abgestoßen war ich nicht, es war mir nur irgendwie zu viel des Guten. Aber Lüscher ist zum Jahreswechsel auch bei uns im Norden auf Lesetour, das werde ich mir natürlich nicht entgehen lassen und bin sehr gespannt darauf, ihn live zu erleben.
      Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich mochte „Frühling der Barbaren“ eigentlich gerne. Um „Kraft“ mache ich aus mir selber nicht genau bekannten Gründen einen Bogen. „Verschwurbelt“, „verschwafelt“ und dann noch „Martin Walser“ – ich glaube, ich habe recht getan. Das ist eher nichts für mich.

    Gefällt 1 Person

    • Stimmt schon: Lüschers Tonfall kann unter Umständen übel nerven und wirkt auch oft sehr verkrampft und gewollt. Manchmal dachte ich wirklich: »Meine Fresse, was für eine Riesenlaberei!«. Nur die Hauptfigur ließ mich am Ball bleiben; die hat Lüscher wirklich grandios hinbekommen.
      Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

      Gefällt 1 Person

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