Anthony Doerr | WOLKENKUCKUCKSLAND

USA 2021 | 532 Seiten
OT: »Cloud Cuckoo Land«
Aus dem Englsichen von Werner Löcher-Lawrence
C. H. Beck
ISBN: 978-3-406-77431-7

Ein vierzehnjähriges Mädchen sitzt im Schneidersitz auf dem Boden eines kreisrunden Gewölbes.

(Seite 12)

Macht Ihr Euch auch manchmal Gedanken darüber, was am Ende aller Zeiten von uns noch übrig ist? Ich meine nicht von Dir oder mir als einzelnem Individuum, sondern von uns als Menschheit. Also das, was wir hinterlassen, wenn die Letzten unserer Art schon längst zu Staub zerfallen sind – unser Erbe, unser Nachlass. Wenn in zigtausenden von Jahren irgendeine zukünftige, sechsbeinige und extrem robuste Huftierart in den Ruinen einer beliebigen ehemaligen Großstadt rumschnüffelt, was wird sie finden? Wahrscheinlich tonnenweise Tupperdosen, halten ja ewig, die Dinger … aber was soll das Zukunftsgnu damit? Dass alles, was wir produzieren, irgendwann einmal auf dem Müll landet, ist ein genauso unumstößlicher Fakt, wie, dass alles was lebt, irgendwann stirbt. Die Mona Lisa wird zerfallen, genauso wie die Golden Gate Bridge; die Cheops-Pyramide wird von den Winden von Tausenden Jahren immer weiter abgeschliffen und den Eurotunnel wird die Last des Ärmelkanals irgendwann zerdrücken.

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Judith Hermann | DAHEIM

D 2021 | 192 Seiten
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397035-7

Damals, in diesem Sommer vor fast dreißig Jahren, wohnte ich im Westen und weit weg vom Wasser.

(Seite 7)

Je älter man wird, desto länger wird Liste der Gedanken, die mit den Worten beginnen: »Was wäre, wenn ich damals…« Was wäre, wenn ich diesen Menschen damals nicht geheiratet hätte. Wenn ich damals Ja gesagt hätte, oder Nein. Wenn ich damals mitgegangen, oder auch zuhause geblieben wäre. Mich für etwas anderes entschieden hätte. Wie ginge es mir. Wo stünde ich jetzt. Das Leben wäre anders verlaufen, keine Frage. Aber ob besser oder schlechter ist selten klar zu beantworten. Wir versuchen ja alle irgendwie das Beste aus den paar Jahren zu machen, die uns gegeben sind, aber auch wenn wir glücklich sind – wobei Glück für jeden etwas anderes bedeutet –, bleiben diese Gedanken nie ganz aus. Judith Hermann hat mit DAHEIM ein so ruhiges wie eindringliches Buch über jene Phase des Lebens geschrieben, in der wir vieles überdenken.

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Raphaela Edelbauer | DAVE

A 2021 | 432 Seiten
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96473-8

Bevor die Pionierlebensform Archea Methanopyri den Kosmos mit ihrer ersten Empfindung aufschloss, hatte 10,2 Milliarden Jahre lang Stille im Universum geherrscht.

(Seite 5)

Irgendwann, in einer – gar nicht so – weit entfernten Zukunft, lebt ein kläglicher Rest der Menschheit in einem riesigen Forschungs- und Laborkomplex, einem völlig autarken Gebäudesystem ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt … das Teil hat noch nicht mal Fenster. Die Erde selbst ist schon lange nicht mehr bewohnbar: Überbevölkerung, Klimakatastrophen und Hungersnöte haben das Leben im Freien unmöglich gemacht. Es entspricht aber seit jeher der Natur des Menschen, Wege zu finden sich anzupassen, der Auslöschung zu entgehen und das Unvermeidliche ein weiteres Mal aufzuschieben. Und wenn es in der realen Welt keine Lösung mehr gibt, muss sie eben in der virtuellen Welt gefunden werden – und hier kommt DAVE ins Spiel…

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Florian Knöppler | KRONSNEST

D 2021 | 448 Seiten
Pendragon
ISBN: 978-3-86532-746-8

Hannes befühlte die geschwollene Wange.

(Seite 5)

Kronsnest – ein kleines Dorf in der Elbmarsch nordwestlich von Hamburg. Es sind die späten Zwanziger des letzten Jahrhunderts und die Zukunftsvisionen der Heranwachsenden sind so platt wie das Land. Hier gibt es nur ein paar Bauernhöfe, das Leben besteht von morgens bis abends aus harter Arbeit und die Jugend wird von Kindesbeinen an in den ewigen, ermüdenden Rhythmus aus Kühe melken, Schafe scheren und Getreide ernten eingespannt. Als ob das Leben hier nicht schon schwer genug wäre, als ob der Weltkrieg nicht noch allen in den Knochen steckte, fordert jetzt auch noch die Weltwirtschaftskrise ihre Opfer. Und während die Upper Class in Berlin dekadent in ihren Untergang tanzt, kämpfen die Bauern hier draußen um ihr Überleben.

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Katharina Höftmann Ciobotaru | ALEF

D 2021 | 415 Seiten
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0000-8

Als Maja geboren wurde, an einem unter drückender Hitze ächzenden Nachmittag im August 1984, raste ein mit fünf Tonnen Kies beladener Lastwagen mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde über die Sperranlagen am Grenzübergang Friedrichstraße / Zimmerstraße.

(Seite 11)

Maja und Eitan, Eitan und Maja – eine größere Liebe ist kaum vorstellbar. Seit sich die beiden in Indien zum ersten Mal über den Weg liefen, sind sie unzertrennlich, auch wenn knapp dreitausend Kilometer zwischen ihnen liegen. Denn Maja kommt aus Deutschland und Eitan aus Israel. In einem drei Generationen umfassenden Bogen erzählt Katharina Höftmann Ciobotaru (*1984) die Geschichte zweier Familien, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

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Charlie Kaufman | AMEISIG

USA 2020 | 863 Seiten
OT: »Antkind«
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26833-3

Es landet mit einem Wumms, aus dem Nichts kommend, von außerhalb der Zeit, außerhalb jeder Ordnung, herausgeschleudert aus der Zukunft oder vielleicht der Vergangenheit, aber es landet hier, an dieser Stelle, in diesem Augenblick, der jeder Augenblick sein könnte, was wohl bedeutet, so nimmst du an, dass es gar kein Augenblick ist.

Seite (9)

Von den rund fünfhundert Spielfilmen, die jedes Jahr in Hollywood produziert werden, kann man getrost zwei Drittel unter der Rubrik Leichte Unterhaltung abheften. Verliebte Teenager überwinden soziale Barrieren, um zueinander zu finden; bunt gekleidete Superhelden kämpfen gegen intergalaktische Bösewichte; computer-animierte Tiere mit menschlichen Emotionen singen von Liebe und Freundschaft … Das ist nicht weiter schlimm, denn was ist Hollywood anderes als eine riesige Unterhaltungsindustrie? Im verbleibenden Drittel jedoch finden sich immer wieder glänzende Perlen mit enormem Kultpotential. Ich bin der Meinung, ob ein Film das Zeug dazu hat, die Zeit zu überdauern und in Jahrzehnten noch gern gesehen zu werden, steht und fällt mit dem Drehbuch. Eine alte Weisheit besagt: Aus einem guten Drehbuch kann man einen schlechten Film machen – andersherum funktioniert das nicht.

Seit der Film BEING JOHN MALKOVICH im Kino lief – Ach, wie gern wäre ich doch mal wieder in einem Kino! –, bin ich ein großer Bewunderer von Drehbuchschreiber Charlie Kaufman. Ich zähle ihn neben Paul Thomas Anderson, Christopher Nolan und den Coen-Brüdern zu den wenigen wirklich kreativen Autoren Hollywoods, inhaliere jeden seiner Filme dutzendfach und lese auch die Original-Drehbücher dazu. (Ich habe sogar ein paar alte Newmarket Shooting Script-Ausgaben im Schrank stehen.) Filme wie VERGISS MEIN NICHT!, ADAPTION oder ANOMALISA gehören meines Erachtens in jede gut sortierte Privat-Videothek, und wer SYNECDOCHE, NEW YORK noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen.

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Bov Bjerg | SERPENTINEN

D 2020 | 272 Seiten
Claassen Verlag
ISBN: 978-3-546-10003-8

Um was geht es?

(Seite 5)

Gute Frage. Ein Mann ist mit seinem Sohn unterwegs durch die Schwäbische Alb auf den Spuren seiner Jugend und seiner Familie. Eigentlich ein friedliches Bild, romantisch, fast ein bisschen kitschig. Doch es gibt da etwas, das den Frieden gewaltig stört: Der Mann wird verfolgt. Nicht im herkömmlichen Sinne, wie ein Bankräuber von der Polizei oder ein potentielles Opfer von einem Triebtäter verfolgt wird, nein, der Mann wird von einer morbiden Art Familientradition verfolgt, denn seit Generationen wählen die Männer seiner Linie irgendwann den Freitod als Schlusspunkt ihres Lebens.

Urgroßvater, Großvater, Vater.
Ertränkt, erschossen, erhängt.
Zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

(Seite 5)
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Stephan Roiss | TRICERATOPS

A 2020 | 208 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01229-4

Die Tür unseres Kinderzimmers stand weit offen.

(Seite 9)

Wenn jedes Mitglied deiner Familie psychisch angeschlagen ist, deine Mutter die Hälfte ihres Lebens tablettenschluckend in der Nervenklinik verbringt, dein Vater sich unerreichbar in Religion und Alkohol flüchtet, deine Schwester über die Jahre autistische Züge entwickelt und die Worte »Alles ist gut« wie ein Mantra vor sich hinmurmelt, und du wegen einer Hautkrankheit von Kindheitstagen an gemobbt und gemieden wirst – was macht das dann mit dir? Wenn du als Jugendlicher noch in die Hosen pinkelst, vor fremden Leuten kein Ton herausbringst und am liebsten nicht du selbst sein willst – woher nimmst du dann die Kraft weiterzumachen, woher die Hoffnung auf ein würdevolles Leben, auf Freundschaft und Zuneigung?

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Maria Popova | FINDUNGEN

USA 2019 | 896 Seiten
OT: »Figuring«
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer,

Heike Reissig und Tobias Rothenbücher
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-07127-6

Alles, einfach alles […] wurde vor 13,8 Milliarden Jahren aus einer Singularität zum Leben erweckt, einer einzigen Quelle, nicht lauter als die Eröffnung von Beethovens Fünfter Sinfonie und nicht größer als der Punkt über dem kleinen i des Ichs, das von seinem Sockel gestoßen wurde.

(Seite 13f.)

Was haben die Astronomin Maria Mitchell, die Schriftstellerin Margaret Fuller, die Bildhauerin Harriet Hosmer, die Dichterin Emily Dickinson und die Biologin Rachel Carson gemeinsam … außer dass sie US-Amerikanerinnen waren und zu den bedeutendsten Frauen in Wissenschaft, Kunst und Literatur der letzten zweihundert Jahre zählen? Sie alle sind die Hauptfiguren der Mehrfach-Biografie FINDUNGEN der bulgarisch-amerikanischen Kritikerin Maria Popova (*1984).

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Sandra Newman | HIMMEL

USA 2019 | 296 Seiten
OT: »The Heavens«
Aus dem Englischen von Milena Adam
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-7518-0008-2

Ben lernte Kate auf einer Party kennen.

(Seite 7)

Nur denen, die die englische Literatur des Elisabethanischen Zeitalters aufmerksam studiert haben, sagt der Name William Shakespeare (1564-1593) vielleicht etwas, dessen schmales Gesamtwerk heutzutage in kaum einer Hinsicht noch relevant ist. Außer einem erfolglosen Bühnenstück und einer Handvoll Sonette hatte der Mann nur wenig zu Papier gebracht, als er mit knapp dreißig Jahren in London an der Pest starb und somit in der Bedeutungslosigkeit verschwand … Alternative facts? Fake News? Oder einfach nur eine der unendlich vielen möglichen Parallelwelten?

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