Heike Geißler | DIE WOCHE

D 2022 | 313 Seiten
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-43053-8

Wir sind dumm, doof und dämlich.
Wir sind zu nichts zu gebrauchen.
Wir sind komplett out of order.

(Seite 7)

Montag – der Tag, den niemand mag. Müde Gesichter, schlaffe Körper, Motivationslevel nahe Null. Dass die Woche – außer in Fernsehzeitschriften – gerade mit so einem Scheißtag beginnen muss, scheint gemessen an der bloßen Menge von Anti-Montags-GIFs eine der größten Ungerechtigkeiten unserer privilegierten Gesellschaft zu sein. Wie gut, dass auf den grässlichen Montag ein rettender Dienstag folgt; am Mittwoch kann man sich dann schon fast aufs Wochenende freuen. Doch was, wenn der Montagsblues keine Ende nähme? Wenn nach dem Montag ein weiterer käme und dann noch einer? Die Woche nur noch aus Montagen bestünde? Heike Geißler spielt mit diesem Schrecken und treibt den Horror in ihrem neuen Roman DIE WOCHE auf die sarkastische Spitze. Doch wer jetzt an Zeitschleifen-Komödien wie UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER oder PALM SPRINGS denkt, irrt, denn hinter DIE WOCHE verbirgt sich eine ebenso vor Wut bebende wie kunstvoll dargebotene Anklage gegen die eingefahrenen Normen, wie man sie selten zu lesen bekommt.

Die namenlose Ich-Erzählerin – von ihr ist nur das Initial H. bekannt … Ob sie wohl Heike heißt? – ist eigentlich eine Wir-Erzählerin, denn sie spricht nicht nur für sich, sondern auch für ihre Freundin Constanze – von lat.: cōnstántia, deutsch ›Beständigkeit‹ –, von der bis zum Schluss nicht so ganz klar wird, ob sie real ist oder imaginär. Die beiden leben in Mietwohnungen in Leipzig, die ihnen wegen der um sich greifenden Gentrifizierung bald gekündigt werden. Diese Ungerechtigkeit ist Auslöser für ihr Aufbegehren gegen das System, den Kapitalismus, die Gesellschaft – gegen die Gesamtsituation. Doch die Montage sind laut in Leipzig und gegen Neonazi-Märsche und Pegida-Demos lässt sich nur schwer eine Revolution anfangen. Zu allen Hindernissen kommt auch noch, dass sich die ›proletarischen Prinzessinnen‹, wie sie sich selbst nennen, in besagter Zeitschleife befinden, die Montag an Montag reiht, was jeden Kampfgeist einfach zermürbt.

[…] wir rufen an diesem schon vergangenen Sonntag, er soll sich schnell ausdehnen, einen größeren Platz einfordern, um den Montag zu verdrängen. Wir fordern den Sonntag auf, einen Streit mit dem Montag anzuzetteln, ihn abzulenken, zu ermüden.

(Seite 28)

Als Gesamtbild betrachtet, ist das was Geißler hier zu Papier bringt kein Aufruf zur Revolte gegen Alteingesessenes, sondern die Darstellung der Vergeblichkeit einer solchen – die Autorin ist also schon einen Schritt weiter!


Trotz der Bezeichnung Roman auf dem Titelbild, wird schnell klar, dass sich der Text jeder Gattungsbezeichnung entzieht – eine stringente Handlung ist kaum zu finden und würde auch nur stören. Dafür platzt DIE WOCHE fast aus allen Nähten vor Metaphern, Allegorien und stilistischen Tricks. Als großer Verfechter des künstlerischen Leitsatzes »Form ist wichtiger als Inhalt« bin ich solchen Veröffentlichungen stets aufgeschlossen und darf verkünden: Heike Geißler hat hier alles richtig gemacht.

Wie die Montage tauchen auch andere Dinge im Buch wie Running Gags immer wieder auf. Der Tod höchstselbst zum Beispiel, der, wenn man sich an ihn gewöhnt hat, ein ganz netter Kerl zu sein scheint. Auch er liegt manchmal faul auf dem Sofa rum oder schämt sich im Schwimmbad für seinen Körper. Neben Constanze spricht das Unsichtbare Kind immer wieder in H.s Gewissen. Es will unbedingt geboren werden, aber H. will nichts davon hören, hat sie dieses Kapitel mit über vierzig doch schon längst beendet. Dann gibt es noch den jungen Kasper, der sich immer wieder vom Dach stürzt und überlebt, und die unheimlichen Riesen, die gegenüber ein lautes, nervtötendes Karussell bauen und permanent mit ihrer toxisch-männlichen Präsenz drohen.

DIE WOCHE bietet auf jeder Seite Ansätze zur freien Interpretation; überall lassen sich aktuelle Debatten erkennen, nie jedoch einfach geradeheraus geschrieben, sondern immer durch stilistische Filter. Selbst dass es sich hier um ein künstlerisches Werk handelt, macht Geißler in Metaebenen zum Thema, indem sie beispielsweise verrät, dass ihr Schreibprogramm manche doch recht bekannten Wörter rot unterkringelt. Den deutlichsten Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen Roman handelt, liefert die Autorin mit der Figur ›der schönste Roman der Welt‹ schließlich selbst – anscheinend ein junger attraktiver Mann, der ab und zu im Buch auftaucht, mit allen charmant herumflirtet, an H. aber nicht interessiert ist.

Mir hat die Lektüre von DIE WOCHE sehr viel Freude bereitet, denn sie ist beiderlei: Sowohl ein relevanter Beitrag zur gesellschaftlichen Gemütslage als auch kunstvoll in Szene gesetzte Unterhaltung.


DIE WOCHE erschien beim Suhrkamp Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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