Ottessa Moshfegh | EILEEN

USA 2015 | 334 Seiten
OT: »Eileen«
aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Verlagsbuchhandlung Liebeskind
ISBN: 978-3-95438-081-7

Ich sah wie ein Mädchen aus, das man sich im Bus vorstellen könnte, vielleicht mit einem Netz über den mausgrauen Haaren, in einem leinengebundenen, aus der Bücherei stammenden Band über Pflanzen oder Geografie lesend. (Seite 7)

INHALT: Neuengland, Dezember 1964. Eileen Dunlop wohnt mit ihrem Vater in einem heruntergekommenen Haus in einer Kleinstadt nahe Boston. Sie arbeitet in einer Jugendstrafanstalt als Sekretärin, kleidet sich züchtig, verhält sich unauffällig. Außer dem täglichen Gang zum Liquer-Shop, um literweise Gin für ihren schwer alkoholkranken Vater zu besorgen, führt sie ein scheinbar asketisches Leben. Aber in ihrem Innern zerfetzt es sie fast vor Hass, Wut und Selbstekel. Ihre Schwester meldet sich seit Jahren nicht, ihrer Mutter war Eileen selbst am Sterbebett nicht gut genug und von ihrem Vater ist außer Suff und Kotze nur Abneigung zu erwarten. Eileen ist eine graue Maus, ungeliebt und hässlich, von niemandem beachtet. Sie hasst sich und die Welt und möchte doch nur ein kleines bisschen Anerkennung, ein Minimum an Zuneigung.

Auch bei der Arbeit wird sie kaum beachtet, weder von der Chefetage, noch vom Wachpersonal. Bis eines Tages Rebecca in der Strafanstalt eingestellt wird, eine junge Frau aus Kalifornien – klug, mondän, attraktiv. Rebecca freundet sich mit Eileen an, die sofort für sie entflammt. Die erste echte Freundin! Eileen merkt schnell, dass diese Bekanntschaft ihrem Leben eine Wendung geben kann, raus aus dem Elend, weg von ihrem miesen Vater. Doch auch Rebecca ist nicht so tugendhaft, wie sie sich gibt…

FORM: Ottessa Moshfegh (*1981 in Boston) hat mit EILEEN teils Krimi, teils Psychogramm vorgelegt, dass sich mit den Folgen familiärer Kälte beschäftigt. Die Hauptfigur – die die Geschehnisse als alte Frau etwa fünfzig Jahre später rekapituliert – weist alle Anzeichen auf eine schwere Depression auf, sowohl psychisch als auch somatisch, denn Selbstekel und Welthass sind nicht die einzigen Hinweise. Auch die Appetitlosigkeit, die damit verbundenen Verdauungsstörungen und die permanenten Schläge auf die Bauchdecke sind klare Vorboten eines nahenden Zusammenbruchs. Und als ob das noch nicht genug wäre, wird Eileen rund um die Uhr von finsteren Tagträumen beherrscht, voller Sex und Gewalt, aber auch voller Sehnsucht und dem Wunsch, geliebt zu werden. Die Beschreibung der Psyche Eileens ist das große Plus dieses Romans und erinnert ein wenig an Figuren wie Holden Caulfield und Esther Greenwood. Hierfür halte ich die Nominierung für den Man Booker Prize 2016 gerechtfertigt.

Die Krimi-Ebene deckt Moshfegh mit der Familientragödie einer der Jungs aus der Strafanstalt ab. Lee Polk, einer der Insassen, hat seinem Vater, einem angesehenen Polizisten im Ort, des Nachts die Kehle durchgeschnitten. Doch irgendetwas stimmt nicht – das brutale Vergehen will nicht so recht zum Charakter des Jungen passen und auch die Mutter benimmt sich nicht wie die Witwe eines Mordopfers. Rebecca nimmt sich das traurige Schicksal des Jungen sehr zu Herzen, forscht tiefer in der Familiengeschichte und Eileen wird ohne es zu wollen in ein furchtbares Verbrechen hineingezogen. Diese Ebene beschreibt Moshfegh durchweg nüchtern und realistisch, für meinen Geschmack fast ein bisschen zu lahm, zu einfallslos – ein herber Minuspunkt. Aber dann kam Seite 285, bei der ich mir hart auf den Oberschenkel geschlagen und laut gerufen habe: »Was? Was ist denn das für eine kranke…« Für diesen Twist kann man Ottessa Moshfegh nur danken, denn er rettet das Buch.

FAZIT: Als Psychogramm gelungen, stilistisch eher fad, aber mit einem überraschendem Ende. Vier Sterne.


EileenEILEEN erschien 2017 bei der Verlagsbuchhandlung Liebeskind, der ich sehr für das Rezensionsexemplar danke. Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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