Franziska Hauser | DIE GLASSCHWESTERN

D 2020 | 430 Seiten
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0045-0

Keiner der anderen Restauratoren war je irgendwo runtergefallen. (Seite 7)

Die beiden Zwillingsschwestern Dunja und Saphie stehen kurz vor ihrem 40. Geburtstag und bis auf die üblichen Schwierigkeiten scheint alles einigermaßen im Lot zu sein, als das Unfassbare passiert: Beide Ehemänner sterben zur selben Zeit unabhängig voneinander – der eine fällt nach einem Ausrutscher vom Dach, der andere kippt mit einem Schlaganfall vom Hometrainer. Zunächst hält sich die Trauer in Grenzen – Dunjas Winne war ein Trottel, Saphies Gilbhard ein Säufer –, größer ist eher die Verwunderung über den Zufall der Gleichzeitigkeit.

Saphie führt seit Jahren ein kleines Hotel an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, das wegen der historisch interessanten und landschaftlich attraktiven Lage ganzjährig gut ausgebucht ist. Für Kinder war nie Zeit gewesen, das Hotel hat sie immer komplett in Beschlag genommen. Und auch jetzt nach Gilbhards Tod muss es irgendwie weitergehen. Zur Unterstützung zieht Dunja aus der Großstadt ins Hotel und findet hier so viel Arbeit, dass sie ihren Job als Sprachlehrerin schnell aufgibt. Dunja ist gänzlich anders als ihre Schwester – sie ist früh schwanger geworden, ihre Kinder sind schon erwachsen –, und diese Unterschiedlichkeit, die sich schon in frühester Jugend bemerkbar machte und der sich beide bewusst sind, schlägt sich jetzt auch in der Trauerbewältigung nieder. Während Dunja recht schnell ihre neuen Lebensumstände annimmt und sich völlig unerwartet in ihren Jugendfreund Jorge verliebt, fällt die sonst so starke und selbstbewusste Saphie immer tiefer in ein Loch und droht, den Halt in ihrem durchstrukturierten Leben zu verlieren.


Franziska Hauser (*1975) schlägt in ihrem mittlerweile dritten Roman einen heiteren Ton für ein bitteres Thema an, was ihr außerordentlich gut gelingt. Situationskomik und Leidenswege gehen hier Hand in Hand – eine Gratwanderung, die wahrlich nicht jeder beherrscht. Hauser bleibt von Anfang bis Ende extrem dicht an ihren Hauptfiguren, wobei der Fokus etwa auf der Hälfte des Buches von Dunja auf Saphie wechselt. Die Gedanken der beiden Frauen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – sind durch Hausers dichte Prosa dermaßen offen, ehrlich und intim, dass man als Leser schon nach wenigen Kapiteln das Gefühl hat, zwei Freundinnen gewonnen zu haben.

Auch die anderen Familienmitglieder werden ins Geschehen gerückt – die zehn Jahre jüngere Schwester Lenka, die als erfolgreicher Pop-Star durch die Welt zieht, und Dunjas Kinder Augusta und Jules –, bleiben aber eher Nebencharaktere, genau wie die Angestellten und Gäste des Hotels, die jedoch alle ihren Teil zur Geschichte beitragen. Die Szenen starten oft in medias res und sind voller Figuren, die durcheinanderreden. Das hat zur Folge, dass man manchmal eine Weile braucht, um sich zurechtzufinden, was aber nicht ohne Reiz ist. Am Ende des Romans ist ein Jahr vergangen – das berühmte erste Jahr der Trauer, nach dessen Ende man alles bereits zum zweiten Mal macht. Ab hier lässt Hauser die beiden Schwestern allein weiterleben und die Leser mit dem wohligen Gefühl zurück, ein gutes Buch gelesen zu haben.


Eine besondere Bindung zu einem Buch bekomme ich immer dann, wenn ich die Lektüre mit einer Lesung verknüpfen kann. Ich halte es für einen großen Mehrwert, Autor:innen live dabei zuzusehen, wie sie aus genau dem Roman lesen, dem ich bald eine gewisse Spanne an Lebenszeit widmen werde, oder dies bereits getan habe. Die Gespräche, die bei solchen Lesungen entstehen, lassen das Buch oft in neuem Licht erstrahlen. (Manchmal schaffen es Autor:innen sogar, meinen zunächst positiven Eindruck in einen negativen umzustürzen … auch das ist auf eine gewisse Art ein Mehrwert, passiert allerdings wirklich sehr selten.)

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© Uwe Kalkowski

Einer Lesung der ganz besonderen Art durfte ich Ende Februar – am Erscheinungstag der GLASSCHWESTERN – beiwohnen. Franziska Hauser lud über ihren Verlag eine kleine Auswahl an Blogger:innen zu sich nach Hause im Prenzlauer Berg ein. Bei einem kulinarisch sehr interessanten Schokoladen-Büffet(!) und jeder Menge Wein wurde es ein kurzweiliger Abend mit vielen interessanten Gesprächen. Da die gängigen Regeln einer öffentlichen Lesung fehlten – eigentlich ging es nur nebenbei um das Buch –, kam eher die Stimmung einer Privatparty auf, und als ich das erste Mal auf die Uhr sah, war es schon fast Mitternacht. Solche Abende sind Gold wert und bleiben lange in Erinnerung…


978-3-8479-0045-0DIE GLASSCHWESTERN ist beim Eichborn Verlag erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar und die Einladung zur Lesung danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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