Alina Bronsky | BABA DUNJAS LETZTE LIEBE

D 2015 | 154 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04802-5

In der Nacht weckt mich wieder Marjas Hahn Konstantin. […] Seine innere Uhr ist durcheinander, schon immer gewesen, aber ich glaube nicht, dass es mit der Strahlung zu tun hat. Man kann sie nicht für alles, was blöd zur Welt kommt, verantwortlich machen. (Seite 5)

INHALT: Das Dörfchen Tschernowo im Norden der Ukraine ist seit einem Reaktorunglück vor dreißig Jahren radioaktiv verseucht und verlassen. Obwohl es Sperrgebiet ist und als Todeszone gilt, lebt eine kleine Gemeinschaft von Rückkehrern dort. Alle sind sie alt und gebrechlich und die lebensfeindliche Gegend fordert ihren Tribut, aber gestorben wird in Tschernowo nicht so schnell. Da gibt es zum Beispiel Baba Dunja, die unfreiwillige Anführerin mit ihrer entwaffnenden Logik. Oder Sidorow, der mit hundert Jahren nochmal heiraten will. Oder die dicke Marja, die mit einer Ziege im Haus wohnt, mit ihr fernsieht und sogar das Bett teilt. Doch wo eine Ziege ist, ist meist der Teufel nicht weit, und als ein fremder Mann mit seiner Tochter ins Dörfchen kommt, bringt er auch das Unheil nach Tschernowo.

FORM: Alina Bronsky (*1978) ist eine herzerwärmende Ode ans Menschsein gelungen; ein Ja zum Leben in einer Welt die eigentlich nur ein Nein zulässt. Die Figuren sind mit viel Liebe beschrieben und die Sätze halten auf nüchterne Art gekonnt die Balance zwischen Witz und Poesie. Dass die Totgeweihten zum Beispiel Mobiltelefone ablehnen, weil von ihnen Strahlung ausgehen könnte, ist mehr als nur einen Lacher wert.

FAZIT: Der schmale Roman hat mir sehr gut gefallen. Einziges Manko: Er ist so kurz. Man ist sehr schnell drin in Baba Dunjas Welt, schließt Freundschaften und schon ist alles vorbei. Ich hätte gern mehr erfahren. Über Baba Dunjas Sohn zum Beispiel, der viel zu kurz kommt. Oder ihre Enkelin. Und auch Hahn Konstantin hätte am Ende noch einen Auftritt verdient. Potential hatte das Panoptikum jede Menge; schade, dass nach der letzten Seite so vieles im Dunkeln bleibt. Vier Sterne mit ganz doll viel Zucker oben drauf!

»Deine Katze hat schon wieder geworfen«, ruft Marja. »Eins hat keine Augen.«
»Schrei nicht so«, sage ich. »Du bist nicht mehr allein.«
Und dann stoße ich die Tür auf und bin wieder zu Hause. (Seite 154)

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