Isabella Straub | WER HIER SCHLIEF

A 2017 | 286 Seiten
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05042-9

Philipp Kuhn setzte einen Fuß vor den anderen. Es war so einfach zu gehen, wovor hatte er sich gefürchtet? (Seite 9)

INHALT: Philipp Kuhn trennt sich von seiner Frau, um fortan bei Myriam zu leben, seine bildschöne Geliebte, die ihm völlig den Kopf verdreht hat. Es gibt da nur ein Problem: Nach dem Auszug – oder besser Rauswurf – ist Myriam nicht mehr aufzufinden. Sie geht nicht ans Telefon, kommt nicht zu den ausgemachten Treffpunkten, selbst in ihrer Wohnung wohnt eine andere Frau – genau betrachtet ist Kuhn also obdachlos. Aus Mangel an Alternativen schläft er in einem Fitnessstudio. Dort lernt er Tamara kennen, die ihn zu den SUHOs führt – Suddenly Homeless – einer Gruppe von Leuten, die Renovierungsarbeiten in Wohnungen anbieten und für diese Zeit dort übernachten. Während der bislang gut behütete Kuhn zum ersten Mal erfährt, was es heißt, wirklich zu leben, gerät Myriam immer weiter aus seinem Sichtfeld. Es scheint, sie ist nicht das Einzige, das er verloren hat, auch sein Verstand verlässt ihn nach und nach. Dafür lernt er jede Menge neue Menschen kennen, nicht zuletzt Tamara, er gewinnt also auch etwas.

FORM: Isabella Straub (*1968) schreibt Kuhns Odyssee und sozialen Abstieg in nüchternen Sätzen, ohne sich auf stilistische Tricks einzulassen, dafür aber mit sehr gutem Gespür für Symbolik. Eines der zentralen Bilder in WER HIER SCHLIEF ist der hinduistische Mythos des Milchozeans, in dessen Tiefen ein Elixier liegt, das dem Finder Unsterblichkeit bringt. Durch äonenlanges Quirlen der Milch kann der Ozean nach und nach abgetragen werden. Doch auf der Suche nach dem kostbaren Getränk entsteigt den weißen Fluten auch Lakshmi, die Göttin des Glücks, der Schönheit und des Reichtums. Gemünzt auf die Geschichte – Kuhn, der auf der Suche nach Myriam Tamara findet – kann man Straubs ausgeprägten Sinn für Metaphern erkennen. Auch Adam, ein Portätbild des Malers Rudolf Hausner, das Kuhn ständig mit sich herumschleppt, oder Myriam selbst, die bis zum Ende ein Roter Hering bleibt – alles Symbole, die Kuhn als Attribute beigestellt sind.

Ganz nebenbei hat Straub mit ihrem Roman auch eine Kritik an der österreichischen Sozialpolitik geschrieben, die der wachsenden Zahl von Obdachlosen in den Großstädten kaum etwas entgegenzusetzen hat, und bietet mit ihren (fiktiven?) SUHOs Alternativen an, über die man wirklich mal nachdenken sollte.

FAZIT: Mir hat Isabella Straubs neuer Roman gut gefallen. Ich habe es sehr genossen, mich mit ihrem Hauptakteur durch die Geschichte schubsen zu lassen, die vor skurrilen Nebenfiguren nur so strotzt. Leider ging dem Buch (oder mir?) zum Ende hin etwas die Puste aus. Ich hatte das Gefühl, dass die Spannung, die zweifelsohne von Beginn an aufgebaut wird, zum Ende hin nicht ganz aufgelöst wird. Alles in allem vergebe ich vier Sterne plus Leseempfehlung.


Ich danke dem Blumenbar-Verlag für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier.

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