Lukas Rietzschel | MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN

D 2018 | 320 Seiten
Ullstein Verlag
ISBN: 978-3-550-05066-4

Da waren eine Grube und ein Schuttberg daneben. (Seite 9)

Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 trieb ich mich viel bei den Kurzlesungen rum, bei denen im Halbstundentakt ein Roman nach dem anderen nebst Autor oder Autorin vorgestellt wird. Die für mich persönlich größte Entdeckung dieser Besuche war Lukas Rietzschel (*1994), der mir im Gespräch mit dem Moderator sehr imponiert hat. Seit Oktober also lag sein gefeierter Debütroman bei mir nun auf Halde, und da er in ein paar Tagen für eine Lesung nach Rostock kommt, dachte ich mir: Jetzt aber schnell!

Über MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN hatte ich in der Zwischenzeit so einiges gehört: »Roman der Stunde«, nominiert für den aspekte-Literaturpreis, Kritik und Leser sind begeistert. Und alles immer mit dem Fingerzeig auf die Auschreitungen Ende August 2018 in Chemnitz, als aufgepeitschte Neonazis eine »Demonstration gegen Ausländerkriminalität« (sic!) organisiert hatten, während der tagelang gehetzt und gepöbelt, geprügelt und zerstört wurde. (Chemnitz tut mir so leid! Als Rostocker weiß ich sehr wohl, dass solche Vorkommnisse den Ruf einer Stadt auf Jahre hinweg schädigen können – so etwas bleibt an einer Stadt kleben wie Scheiß am Schuh.)

Wie kann es kommen, dass junge Menschen, die in Friedenszeiten ohne Mangel in einem aufgeklärten und freien Land aufwachsen, trotzdem zu Neonazis werden? Für die Beantwortung dieser Frage führt uns Rietzschel nach Neschwitz im sächsischen Hinterland. Hier, zwischen verlassenen Tagebauseen und Steinbrüchen aus längst vergangenen Zeiten, wachsen die Brüder Philipp und Tobias auf. In dieser tristen Gegend herrschen Langeweile und spröder Alltag vor. Schule und Elternhaus bringen wenig Motivation und kaum Abwechslung, und der Drang der Brüder nach Beachtung findet kein Ventil. Menzel, ein ortsbekannter Neonazi, übt mit seinem machtvollen Gehabe bei Philipp und Tobias eine große Faszination aus, so dass sie sich ihm angliedern. Hier finden sie Anklang und Verständnis, auch wenn der Ton etwas rauher ist. Dann geht es los: Ein Hakenkreuz wird an den Findling vor dem Schulgebäude gesprüht; ein Pavillon geht in Flammen auf; ein Haus, in dem ein ausländisches Mädchen wohnt, wird mit Schweineteilen beworfen. Bei Menzel bekommen die Brüder einen Wert, eine Aufgabe, die sie wichtig macht.

Die Jahre vergehen, Philipp und Tobias sind erwachsen, aber nie groß rumgekommen. Die politische Lage hat sich zugespitzt und dank Sarrazin und Flüchtlingswelle ist das Murren und die Hetze im rechten Lager laut und schamlos geworden. Die Aktionen, die Menzel anzettelt, werden brutaler, gezielter, offener. Doch während Philipp sich mehr und mehr aus diesen Kreisen zurückzieht, geht Tobias in ihnen regelrecht auf.


Lukas Rietzschel schreibt seinen Entwicklungsroman in schnörkelloser Sprache. Die Sätze sind nüchtern und kurz, kaum eine Zeile ohne Punkt. Manchmal nur zwei, drei Wörter. Oft ohne Verb. Dieser Ton passt hervorragend in die triste Lebenslage des Brüderpaares, die sich auch nur stakkatohaft unterhalten. Bis auf ein paar Ausbrüche sind die Dialoge spröde und kurz angebunden, wie unter Fremden in einer Altherrenkneipe. Diese ungenügende Kommunikation, dieses Dreschen der immergleichen Phrasen, ist einer der Hauptgründe für das Versacken der Figuren in diesem Roman. Jeder grübelt für sich und schäumt über vor Wut, ohne genau zu wissen, woher sie kommt. Die vermeintlich einfachen Antworten, die die Rechte auf komplexe Fragen bietet, sind dann gern gesehen und werden ohne weiteres Überlegen angenommen, verinnerlicht und verbreitet. Diesen Jahre dauernden Vorgang zu beschreiben, gelingt dem Autor hervorragend.

Natürlich ist Rietzschels Buch keine Universalerklärung – kann, will und muss es auch nicht sein. Es ist und bleibt eine Geschichte und damit eine mögliche Abbildung unter vielen. Aber lassen wir mal die Politik außen vor – bei solchen Texten neigt man dazu, viel zu viel Politik in die Bewertung einfließen zu lassen –, haben wir es hier mit einem gekonnten Debüt zu tun: Dank der kargen Sprache atmosphärisch und authentisch, mit psychologisch dicht gezeichneten Figuren und ohne zu sehr zu moralisieren. Lesenswert.


9783550050664MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN ist im Ullstein-Verlag erschienen. Alle Informationen über Buch und Autor findet Ihr hier. Und wie immer noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

 

 

 

4 Gedanken zu “Lukas Rietzschel | MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN

  1. Das Buch hatte ich schonmal angefangen und es aus Gründen, die nichts mit der Qualität zu tun haben, vorerst nicht weiter verfolgt. Ich glaube, ich wollte zu dem Wirbel, der darum gemacht wurde, ein wenig Abstand gewinnen.
    Der Anfang war gut und glaubhaft umgesetzt. Nach deiner Besprechung habe ich gleich wieder Lust bekommen, darin weiter zu lesen.

    Gefällt 1 Person

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