Donald Antrim | AN EINEM FREITAG IM APRIL

USA 2021 | 160 Seiten
OT: »One Friday in April: A Story of Suicide and Survival«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-00171-1

An einem Freitag im April 2006 verbrachte ich den Nachmittag und den Abend damit, dass ich auf dem Dach des Apartmenthauses in Brooklyn, in dem ich wohne, hin und her tigerte, die Feuertreppe hinunterstieg, mich mit den Händen ans Geländer hängte, dann mit schmerzenden Handflächen wieder hinaufstieg, mich zusammengerollt oder auf dem Rücken oder dem Bauch ausgestreckt aufs Dach legte und dabei vielleicht verstohlen über die Dachkante spähte.

(Seite 9)

Zu meinen ganz großen persönlichen Entdeckungen der letzten Jahre gehört Donald Antrim, dessen Romane ich 2016 sämtlichst verschlungen habe … ist das echt schon sechs Jahre her? Nach seinem letzten längeren Text MUTTER (2006) erschien 2016 ein vielbeachteter Band mit gesammelten Kurzgeschichten aus gut fünfzehn Jahren. Dann wurde es – zu meinem großen Bedauern – ruhig um Antrim. Ich las über ihn, dass er als Dozent für Literatur an einem New Yorker College arbeite – da bleibt halt nicht viel Zeit zum Schreiben. Doch nun, nach der Lektüre von AN EINEM FREITAG IM APRIL, kann ich mir die Funkstille besser erklären…

Donald Antrim war über Jahre hinweg schwer suizidgefährdet, schlingerte eine sehr lange Zeit an der Kante zum Selbstmord. Eine gewisse dunkle Seite, eine Faszination am Morbiden hatte er wohl schon lange in sich getragen – was man in seinen Romanen auch spürt –, aber die Erkenntnis, an einer existentiellen Lebensmüdigkeit erkrankt zu sein, kam ihm erst während der Arbeit an seinem Text MUTTER, in dem er das schwierige Verhältnis zu seiner alkoholkranken Mutter verarbeitet (wie alle seine Bücher ist auch dieses äußerst lesenswert). Dieser Schritt – sich als krank zu outen – ist der wichtigste und schwierigste von allen, in einer langen Reihe von Schritten, die zur Genesung führen sollen. Antrim ließ sich in eine Spezialklinik einweisen und das gesamte Arsenal von Therapien über sich ergehen. Auf dringendes Anraten eines Freundes, entschied sich Antrim auch für die Elektrokonvulsionstherapie. Spätestens seit der Verfilmung von EINER FLOG ÜBERS KUCKUCKSNEST ist der Ruf dieser Therapie landläufig sehr viel schlechter, als er sein müsste, aber der Freund, der ihm den Tipp gegeben hatte, war niemand Geringeres als David Foster Wallace. Wie wir alle wissen verlor Wallace den Kampf gegen die Krankheit eine kurze Zeit später – ein weiterer schwerer Schlag für Antrim.


Für Leserinnen und Leser, die sich von Themen wie Depression und Suizid schnell getriggert fühlen, sei hier eine Warnung ausgesprochen: Das Buch beschreibt sehr offen und ohne jede Scham die Krankheit in allen Details. Stellenweise wird überdeutlich geschildert, wie nah Donald Antrim am Abgrund stand und nur eine kleine Handbewegung zur Auslöschung fehlte. Auch die Klinikaufenthalte und Therapieverläufe werden beschrieben und erläutert. Es ist verständlich, dass man bei einer solchen Lektüre schnell überfordert sein kann. Schriftstellerisch aber ist AN EINEM FREITAG IM APRIL wieder einmal ein großer Genuss. War MUTTER schon ein fast intimer Text, legt Antrim hier noch einen Gang drauf. Noch dichter kann er sein Publikum nicht an sich heranziehen.

Offen gestanden, war ich geschockt, zu erfahren, warum es so lange nichts von Donald Antrim zu lesen gab, und irgendwie fühlt es sich falsch an, zu sagen, dass mir sein Buch gefallen hat – tatsächlich habe ich es an nur einem Nachmittag geradezu inhaliert. Das Buch ist gleichermaßen interessant und furchtbar, traurig und grandios. Ich wünsche Donald Antrim alles Gute für die Zukunft und hoffe auf weitere Bücher von ihm.


AN EINEM FREITAG IM APRIL erschien im Rowohlt Verlag, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Meine bisherigen Antrim-Rezensionen:

WÄHLT MR. ROBINSON FÜR EINE BESSERE WELT
DIE HUNDERT BRÜDER
DER WAHRHEITSFINDER
MUTTER

Eine kleine Bitte noch: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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