John Irving | STRASSE DER WUNDER

USA 2015 | 780 Seiten
OT: »Avenue of Mysteries«
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-06966-2

Hin und wieder legte Juan Diego Wert darauf klarzustellen: »Ich bin Mexikaner – ich bin in Mexiko geboren und auch dort aufgewachsen.« In letzter Zeit hatte er sich jedoch angewöhnt zu sagen: »Ich bin Amerikaner – ich lebe seit vierzig Jahren in den USA.« Oder er sagte, um der Nationalitäatenfrage aus dem Weg zu gehen: »Ich bin aus dem Mittleren Westen – genauer gesagt: aus Iowa.« (Seite 11)

INHALT: Juan Diego Guerrero, ein alternder Schriftsteller, der auf einer Müllkippe im mexikanischen Oaxaca aufgewachsen ist, macht sich auf die Reise zu den Philippinen, um die Grabstätte des Vaters eines Freundes zu besuchen. Durch Unregelmäßigkeiten bei der Einnahme seiner Blutdrucktabletten fällt er bei den Flügen und Hotelaufenthalten immer wieder in intensive Traumphasen, bei denen die Bilder seiner Jugend heraufbeschwört werden: Wie er sich als Kind selbst, allen Umständen zu Trotz, das Lesen und Schreiben beibrachte; der Unfall, der ihn für den Rest seines Lebens zum Krüppel machte; die Zwischenstation in einem mexikanischen Wanderzirkus; seine unkonventionellen Adoptiveltern; und natürlich seine alle anderen überstrahlende Schwester Lupe, die Gedanken lesen kann und für die Zukunft seines Bruders alles opfert. Auf seiner Reise macht er Bekanntschaft mit Miriam und Dorothy, einem sexuell eher unkomplizierten Mutter-Tochter-Gespann, das sich auf magische Weise unter die Geister seiner Vergangenheit zu mischen scheint.

»Mann auf Rädern«, sagte der Gringo und berührte Juan Diegos Hand mit seinen shampooschaumbedeckten Fingern. »Versprich mir etwas, Mann auf Rädern.«
»Klar«, sagte Juan Diego; schließlich hatte er auch Lupe gerade ein paar groteske Versprechen gemacht.
»Falls mir irgendetwas zustößt, musst du für mich auf die Philippinen – und meinem Dad sagen, dass es mir leid tut«, sagte el gringo bueno. (Seite 264)

FORM: Eins vorneweg: Ich bin seit vielen Jahren ein großer Irving-Bewunderer und habe ALLE seine Romane gelesen. Dieser Mann hat mir die schönsten Lesestunden meines Lebens verschafft und dafür werde ich ihn auch immer verehren. Dass er nicht mehr die Qualität von GARP oder OWEN MEANY erreicht, war schon länger offensichtlich (ich halte BIS ICH DICH FINDE für seine letzte Großtat), und meine Erwartungen an einen waschechten Irving-Roman sind zugegebenermaßen immer sehr hoch, aber was er hier mit STRASSE DER WUNDER auftischt, hat mich echt sprachlos gemacht – Was für ein langweiliger Schinken!

Dabei ist Irving stilistisch nichts vorzuwerfen; natürlich kann der Mann erzählen! Die Sätze sind auch hier die gewohnt verschwurbelten und einlullenden Konstrukte mit dem leisen Humor. Was mich bei STRASSE DER WUNDER schier wahnsinnig gemacht hat, war das ewige Widerkäuen einzelner Themen. Bestimmte Schlüsselszenen in Juan Diegos Leben oder Charaktereigenschaften einzelner Figuren werden immer und immer wieder neu aufgegossen. Ab der Hälfte dachte ich, wenn ich noch ein einziges Mal etwas über Betablocker oder die Jungfrau Maria lesen muss, schmeiß ich den ganzen Scheiß an die Wand! (Hab ich natürlich nicht gemacht, obwohl mich die Betablocker und auch die Jungfrau Maria bis auf die letzten der fast 800 Seiten begleitet haben.) Mit anderen Worten: Irving hat in diesem Roman ein erhebliches Redundanzproblem.

Ganz große Schwächen sehe ich auch bei der Figurenzeichnung. Sicher sind alle Protagonisten auf ihre Art verschroben und herzerweichend fehlerhaft – aber keiner macht irgendeine Entwicklung durch. Alle sind wie sie sind und bleiben wie sie sind; keine Erleuchtung, keine Erkenntnis, keine Epiphanie. Die einzige Ausnahme macht Lupe, die Schwester der Hauptfigur, deren Fähigkeit Gedanken zu lesen, ihre Taten bestimmt. (Ihr Bruder ist übrigens der einzige, der Lupe versteht, weil sie ein so undeutliches Kauderwelsch spricht. Juan Diegos Aufgabe besteht darin, ihre meist sehr direkten Äußerungen möglichst diplomatisch zu übersetzten; ein Umstand, den Irving ebenfalls wieder und wieder und wieder beschreibt.) Überhaupt: Dieser ganze esoterische Kitsch mit dem Gedankenlesen und den Geistern der Vergangenheit ist so gar nicht meine Baustelle – das dürfte (mit Verlaub) Coelho-Leser eher ansprechen.

FAZIT: Es tut mir in der Seele weh und meine Finger verkrampfen sich über der Tastatur, aber ich kann für diesen lang ersehnten Roman (unter Berücksichtigung des Fan-Boy-Bonusses) nicht mehr als zwei Sterne vergeben. Wer noch nichts von John Irving gelesen hat (solche Leute soll’s ja geben) empfehle ich, STRASSE DER WUNDER als erste Wahl zu meiden und stattdessen lieber zu den »Klassikern« zu greifen, sonst versaut man sich möglicherweise einen großartigen Autor.

7 Gedanken zu “John Irving | STRASSE DER WUNDER

  1. Harte Worte. Ja mit dieser Schriftsteller Hommage kommt er nicht an seine Glanzlichter. Interessant wie verschieden sogar eingeschworene Fans lesen, die Liebe zum Schreiben, das Loblied auf das Leben und seine Art das (gedankliche) Altern zu beschreiben gefielen mir erheblich besser. Und „Bis ich dich finde“ ist der einzige Roman von ihm der nicht Einzug ins heimische Regal halten durfte. So bleiben unterschiedliche Lesarten. 😊

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    • Wenn alle den gleichen Geschmack hätten, wär’s ja auch langweilig.
      Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr noch den guten alten Garp aus dem Regal zu fischen und zu entstauben und so die Wunderstraßen-Enttäuschung wieder gut zu machen. Oder noch besser: Da gibt’s doch eine Neuübersetzung bei Diogenes, die werde ich mir leisten, das hat Garp verdient.

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      • Ach der Garp, mir gefiel auch die Verfilmung sehr und Bonkster, welch wunderbarer Hundecharakter😉 Mein erster Irving war das, danach war ich angefixt. Viel Vergnügen damit. Ich nehme mir sowas zwar immer vor, aber dann überwiegen die Verlockungen neuer, unbekannter Geschichten…Wie gefiel dir die wilde Geschichte vom Wassertrinker?

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  2. Den Wassertrinker fand ich super. Der war damals mein zweiter Roman von Irving, ich war aber vorher vom Hotel New Hampshire schon hin und weg. Und dann kam auch schon Garp, den ich nach wie vor für einen der besten amerikanischen Romane überhaupt halte.

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  3. Hab gerade gelesen, dass DIE STRASSE DER WUNDER beim nächsten Literarischen Quartett besprochen wird. Da bin ich ja mal gespannt, was Herr Biller dazu sagt. Ich vermute, er wird es vor laufender Kamera zerreißen…

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  4. […] Bookster HRO, ein John Irving Fan, ist übrigens gleicher Meinung.  Ich bin gespannt, was die vier Akteure des Literarischen Quartetts zu diesem Wälzer sagen werden und vor allem, wer ihn ausgesucht hat, denn dieser Person muß er ja sehr gut gefallen haben. Ich bin mir unsicher, könnte mir aber vorstellen, dass es sich um Volker Weidermann handelt. Oder vielleicht auch um Christine Westermann. […]

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