Berit Glanz | PIXELTÄNZER

D 2019 | 252 Seiten
Schöffling Verlag
ISBN: 978-3-89561-192-6

Vor meinem Fenster fährt die Ringbahn. (Seite 7)

Elisabeth arbeitet in einer Berliner IT-Klitsche, einem aufstrebenden Start-Up, dass sich auf Software-Lösungen für verschiedene Produkte im Netz spezialisiert hat. Privat lebt Beta – wie sie von allen jobgerecht genannt wird – eher ziellos vor sich hin, surft stundenlang, spielt mit Apps herum und vetreibt sich die Zeit mit dem Ausdrucken von Tierminaturen auf ihrem 3D-Drucker. Bei der Nutzung der Weckruf-App Dawntastic – bei der die User zu einer gewünschten Uhrzeit von irgendwo auf der Welt angerufen und in ein Gespräch verwickelt werden – wird sie auf das Profilbild von Toboggan, einem User aus Kalifornien, aufmerksam, das sie an die Makro-Fotografien ihres Vaters erinnert, dessen Hobby es war, Facettenaugen von Insekten zu fotografieren.

Als sie nach Toboggan und dessen Profilbild googelt, das eine seltsam altertümliche Insektenmaske darstellt, kommt sie auf die Spur von Lavinia Schulz, einer Schauspielerin und Tänzerin, die vor hundert Jahren mit ihrer expressionistischen Kunst die Theaterwelt revolutionieren wollte. Angestachelt von Toboggan, der ihr im Netz kleine Hints und Textfragmente über Lavinia und ihr Leben zuspielt, gerät Beta immer tiefer in eine längst vergangene Welt, in der die Jugend echte Kunst auch unter Einsatz ihres Lebens schaffen wollte.


Berit Glanz (*1982) gelingt in ihrem Debüt PIXELTÄNZER etwas ganz Außergewöhnliches: Sie vermischt die Lebensentwürfe zweier junger Frauen verschiedener Epochen und offenbart dabei nicht nur die offenkundigen Unterschiede, sondern auch die Ähnlichkeiten. Elisabeth gehört zur Generation Z: Im Netz verankert, vielseitig aufgeklärt und nach einem Blick auf ihr Smartphone allwissend. Für sie ist es kaum denkbar, dass sich jemand die Erde als etwas anderes als eine Kugel vorstellt. Lavinia dagegen hatte Angst, sich mit den gefährlichen Gasen des Halleyschen Kometen zu vergiften, wenn sie auf einen Baum klettert. Woher sollte sie es auch besser wissen?

Dass sie es in ihrem jugendlichen Leichtsinn trotzdem tut, zeigt viel von ihrer subversiven Ader, die auch Elisabeth besitzt. Auf einer TechBus-Tour durch Mitteleuropa, bei der eine Handvoll Entwicklerteams während einer dreitägigen Autobahnfahrt möglichst innovative Apps programmieren sollen, erfindet Beta mit ihren Kollegen ein quasi nicht zu gewinnendes Spiel, das das Gerät des Nutzers zusätzlich mit Insektenbildern vollmüllt, die erst gelöscht werden, wenn das Spiel gewonnen ist. Absolut unverkäuflich – dennoch gewinnt sie damit einen Preis. Die Suche nach revolutionärer Kunst ist der gemeinsame Nenner, der die beiden Geschichten miteinander verbindet. Einmal in einer durchtechnisierten und kommerzabhängigen Gegenwart, in der nichts mehr neu zu sein scheint; einmal zu einer Zeit, als man mit einem Nacktauftritt im Theater die Welt noch aus den Angeln heben konnte.


Glanz‘ Prosa ist durchtränkt mit vielen kleinen Spielereien aus der Netz- und Programmierwelt – html-Sequenzen, IT-Begriffe, Software-Testing –, ohne je zu nerdig zu werden. Ich persönlich bin kein großer Checker in solchen Sachen, fühlte mich aber von Glanz an die Hand genommen und sicher durch die Materie geführt. Für Berufs-ITler ist der Text vielleicht noch zu sehr an der Oberfläche, für den gewillten Leser reicht die Tiefe aber aus und es macht Spaß, Beta dabei zuzusehen, wie sie sich auf der Suche nach Lavinias Leben durch die Quellcodes verschiedener Internetseiten schnüffelt.

Auch stilistisch fährt Glanz zweigleisig. Die Kapitel, die Beta als Ich-Erzählerin folgen, sind typisch modern, humorvoll und spielerisch, und lesen sich leicht weg. Die Kapitel um Lavinia sind zeitgemäß nüchtern und orientieren sich an der damals geltenden Neuen Sachlichkeit, bei der kein Wort zu viel und alles der Inhaltsvermittlung und der Objektivität unterlag. Am Ende merkt man, dass Glanz ein wenig die Puste ausgeht. Dennoch bekommt sie den Kreis gut geschlossen und setzt dem Roman einen überzeugenden Schlusspunkt. Ein rundum gelungenes Debüt, dem ich jeden Erfolg gönne.


9783895611926PIXELTÄNZER erschien beim Schöffling-Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier. Weitere Besprechungen gibt es beim Leseschatz und beim feinen reinen Buchstoff. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

20 Gedanken zu “Berit Glanz | PIXELTÄNZER

  1. Oder geht es in der versteckten Botschaft um das Welt(raum)wissen von Beta (Kugelform der Erde) vs. „die Welt aus den Angeln heben“ – Lavinias Welt, in der man noch glaubte, irgendeinen festen Punkt bestimmen zu können?

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  2. Vielleicht ist das mit der versteckten Botschaft gemeint: Das Zitat aus dem Buch „Vor meinem Fenster fährt die Ringbahn“ wird im Text wieder aufgegriffen. „Auch stylistisch fährt Glanz zweigleisig“ und „Dennoch bekommt sie den Kreis geschlossen…“

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    • Ha! Du hast es! Du hast meine versteckte Botschaft gefunden! Herzlichen Glückwunsch, das signierte Exemplar gehört Dir!
      Am besten, Du schreibst mit per Mail Deine Anschrift. Dann regeln wir auch das ganze Prozedere.
      Liebe Grüße von der Ostsee!

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  3. Zur Aufklärung (weil es vermehrt Nachfragen gab, was die ganzen Kommentare sollen): Ich habe in der Rezension eine Botschaft versteckt, die nur im Quellcode dieser Seite zu lesen ist. Als Beweis, dass man diese Botschaft gefunden hat, soll man ein ! als Kommentar posten – ein Querverweis auf den Roman, in dem das auch passiert. Wer dies als erstes machte, konnte ein signiertes Exemplar von PIXELTÄNZER gewinnen. Herzlichen Glückwunsch also nochmal an Sabine!

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