Cemile Sahin | ALLE HUNDE STERBEN

D 2020 | 240 Seiten
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03827-4

Ich habe immer alles erzählt.

(Seite 13)

Ein Hochhaus in einem von einer Militärdiktatur gepeinigten Land. Alle Einwohner haben eines gemeinsam – sie wollen hier nicht bleiben. Necla aus dem Erdgeschoss wird von einem Wachmann wie eine Hündin am Boden festgekettet. Murat aus der neunten Etage trägt die sterblichen Überreste seiner Mutter in einer Plastiktüte mit sich herum, weil er sie nicht begraben konnte. Sein Mitbewohner Haydar verlässt nie das Zimmer und sinnt seit Ewigkeiten auf Rache für seinen von Soldaten ermordeten Sohn. Metin aus dem zweiten hat die Hölle in einem Gefängnis erlebt.

In neun Kapiteln lässt Cemile Sahin (*1990) ebensoviele Menschen zu Wort kommen, stellvertretend für eine ganze Bevölkerungsschicht. Ähnlich einem Verhör erzählen sie einer unbekannten Vertrauensperson – also eigentlich uns Lesern –, wie sie im Hochhaus gelandet sind, welche Ungerechtigkeiten sie erfahren, wieviel Gewalt sie aushalten mussten. Soldaten, Polizisten und Wachmänner verprügeln, erschießen und demütigen unschuldige Menschen. Das ist schonungslos hart – ein Buch wie ein Schlag in den Magen.


Ich muss schon sagen, die Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches war für mich nicht gerade angenehm. Was nicht heißt, das Sahin ihre Sache schlecht gemacht hätte, ganz im Gegenteil. Stilistisch passt sich die Autorin perfekt ihrem Thema an. Die Sprache ist schnörkellos und glasklar, jeder Satz ist genau so lang, wie er sein muss, da ist kein Wort zu viel oder zu wenig. Auch der Aufbau in Episoden, die Berührungspunkte aller Figuren in den Kapiteln der anderen, das Voranstellen einer kurzen Personenbeschreibung wie in einem Drehbuch – Sahin macht das alles unglaublich gut. Selbst die Gestaltung – jede Episode wird mit einer blutroten Seite und einem immergleichen Bild eines Parkplatzes im Hinterhof eingeleitet – gefällt mir sehr.

Es ist die rohe Gewalt, die hier glaubwürdiger dargestellt wird, als es einem lieb sein sollte. Wenn Fitzek und Konsorten sich ihre Gewaltpornos aus den Fingern saugen, lässt mich das kalt, weil ich weiß, dass sie Spaß daran haben, sich möglichst brutales Zeugs einfallen zu lassen, um ihr Publikum zu schocken. Cemile Sahin dagegen gibt der Gewalt eine Authentizität, eine Echtheit, die versichert: Das passiert wirklich gerade irgendwo auf der Welt. (Übrigens: Die Vornamen lassen es vermuten und im Klappentext steht es auch blau auf grün, aber der Name Türkei wird nirgends im Buch genannt. Ich denke, das Hochhaus steht als Metapher für einen Zufluchtsort verfolgter Menschen und das Land stellvertretend für jedes beliebige Militärregime.)

Vielleicht bin ich ja in manchen Belangen etwas zu zart besaitet, aber diese totale Abwesenheit von Hoffnung, diese absolute Übermacht an Gewalt und Ungerechtigkeit, hat mir ordentlich zu schaffen gemacht. Mein Lesezeichen war eine Postkarte mit einer Blumenwiese, damit ich wenigstens beim Zuklappen noch an etwas Schönes denken konnte.
Ein hartes Buch, ein wichtiges Buch. Auf jeden Fall lesenswert, aber nicht ohne Warnhinweis.


ALLE HUNDE STERBEN erschien beim Aufbau Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.
Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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