Esther Becker | WIE DIE GORILLAS

D 2021 | 160 Seiten
Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-95732-470-2

Zu viert müssen sie mich festhalten. Vielleicht auch zu fünft.

(Seite 9)

Esther Beckers Debütroman, der das Erwachsenwerden junger Frauen zum Thema hat, beginnt hart und eindrücklich mit mit einem Übergriff. Was zunächst nach einer Gruppenvergewaltigung klingt, entpuppt sich nach wenigen Absätzen als ärztliche Verabreichung von Augentropfen mit starker Gegenwehr des Kindes. »Achso«, denkt man und wischt sich den Schweiß von der Stirn, »dann ist es ja nicht so schlimm.« – Aber ist es das wirklich nicht? Es folgen weitere Episoden, die sich in den ersten Zeilen härter lesen, als sie am Ende eigentlich sind. Und vielleicht muss man hier und da sogar ein wenig schmunzeln, weil man an die eigene Jugend zurückdenkt, an die eigenen Macken und Verfehlungen in dieser verrückten Zeit, in der man kein Fettnäpfchen ausgelassen hat. Doch beim Lesen von WIE DIE GORILLAS merkt man schnell: Dies ist alles andere als ein Buch mit Jugendschwänken aus der guten alten Zeit und zum Lachen ist hier überhaupt nichts.

Im Gegenteil: Die raue Menge an Kämpfen, denen sich die namenlose Ich-Erzählerin tagein, tagaus stellen muss, macht das Buch zu einem beängstigenden Ritt durch unsere Gesellschaft, die der Jugend Individualität predigt, meistens jedoch nur das Ideal gelten lässt. Wir begleiten Beckers tragische Heldin durch die Kindheit, die Schule und bis ins Studium. Ihr Körper verändert sich, aus dem pummeligen, von Akne gepeinigten Mädchen mit Sehschwäche wird eine schlanke Frau, die mit einstudiertem Selbstbewusstsein ihre Unsicherheit zu überspielen versucht. Dass sie jeden Tag mit sich, ihrem Körper und ihrem Stand in der Gesellschaft hadert, ist die Folge von unterschwelligem Sexismus und aggressivem Bodyshaming, dem sie – wie alle Jugendlichen – seit Jahren ausgesetzt ist. Hinzu kommt das zerrüttete Familienleben, eine Mutter, die sie nicht versteht und eine Vater, der nur seine eigenen Probleme im Kopf hat.


Ich glaube, Carolin Kebekus war es, die in einer Talk-Show mal erklärt hat, wie diese austauschbaren Frauenzeitschriften im Normalfall so aufgebaut sind: Erst kommen die Diät-Hinweise und Fitnesstipps, dann die leckeren Kuchenrezepte und zum Schluss diese hohlen Kalendersprüche nach dem Motto »Bleib wie du bist!«. Ich musste sehr lachen und glaubte ihr jedes Wort, obwohl ich noch nie eine solche Zeitschrift aufgeschlagen habe, um mich vom Gegenteil zu überzeugen.

Der Druck, der heutzutage auf Frauen – insbesondere auf Mädchen an der Schwelle zum Frausein – lastet, ist immens, da sind besagte Schundblätter noch das geringste Übel. Das fängt schon im Kindesalter an. Überall wird ihnen eingetrichtert, wie sie aussehen und sich verhalten müssen, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Kinderzeitschriften wie TOPMODEL sind ein grausiges Beispiel dafür. In der Pubertät dann wird ihnen per Social Media permanent eingehämmert, dass ein glückliches und erfolgreiches Leben nur am Strand von Dubai möglich ist, sonnengebräunt, mit flachem Bauch und komplett enthaarten Stelzen – »Ich benutze hierfür mein Epiliergerät ABC der Marke XY, das hat mir schon so manchen Tag gerettet … und auch so manche Nacht, wenn Ihr wisst, was ich meine 😉 Lasst mir ein Like da, Küsschen!« – Ätzend!

Sicher werden nicht alle Mädchen von solchem Geschwätz so hoffnungslos eingelullt, aber für diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – dafür empfänglich sind, beginnt ein Jahre währender Spießrutenlauf durch den Alltag, dem die wenigsten gewachsen sind, und zwar mit unabsehbaren psychischen Folgen. Antworten, wie man es besser oder anders machen kann, liefert Esther Becker in ihrem Roman nicht, das muss sie auch nicht. Sie zeigt lediglich, wie es ist oder sein kann, und das auf intensive Art – inhaltlich erschreckend, stilistisch prägnant.


WIE DIE GORILLAS erschien im Verbrecher Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick auf Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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