Tomas Espedal | WIDER DIE KUNST

N 2009 | 192 Seiten
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-95757-137-3

Mein erster Name wurde in einer Fabrik hergestellt, in Metall gegossen, und war von einer gewissen Beständigkeit. Ich habe versucht ihn zu vergessen. (Seite 11)

INHALT: Tomas Espedal schreibt in seinem eindringlichen Buch von der lähmenden Ohnmacht die ihn überfällt, als er innerhalb kurzer Zeit seine Mutter und seine Ex-Frau, die Liebe seines Lebens, an den Tod verliert. Er bleibt mit seiner pubertierenden Tochter allein im großen Haus und versucht, ihr in seiner Trauer ein guter Vater zu sein, was nur misslingen kann. Er sucht Halt im Schreiben und scheitert auch hier. Erst das Eindringen in die Familiengeschichte gibt ihm die Sicherheit zurück, seinem Beruf und seinen väterlichen Pflichten nachzukommen.

Man versucht, einen gewöhnlichen Tag nachzuerschaffen, verwendet seine Kräfte darauf, einen ganz gewöhnlichen Tag zu beschreiben, schafft es aber nicht. Man gibt auf. Wechselt die Kleidung, zieht sich ein frisch gewaschenes weißes Hemd an saubere Hosen, die besten Schuhe. Man macht sich bereit zum Zusammenbruch. (Seite 45)

FORM: Dass WIDER DIE KUNST eher ein Essay denn ein autobiografischer Roman ist, wird nach wenigen Seiten schon erkennbar. Espedal dringt auf fast philosophische Weise zum Kern der Trauer vor. Dennoch verzichtet er nicht auf rein narrative Szenen, gerade bei den Beschreibungen seiner Kindheit und Jugend und denen seiner Eltern und Großeltern. Heraus kommt eine seltsame (soll heißen: bemerkenswerte) Mischform aus Roman und Essay.

Espedals Sätze schwanken von nüchtern bis poetisch, und auch wenn das Grundthema des Buches im Endeffekt extrem verdichtet abgehandelt wird, werden einzelne Aspekte, einzelne Sätze und Wortgruppen immer und immer wieder behandelt, präzisiert, verworfen und erneuert. Das erinnert ein wenig an die Brecheisen-Prosa Thomas Bernhards oder auch an Peter Handke, auf den auch im Text eingangen wird. Fans der genannten Autoren werden bei Espedal auf ihre Kosten kommen.

Ich weiß nicht genau, wann das Alter eintritt, wann es einschlägt; zu einem bestimmten Zeitpunkt verlieren wir die Fähigkeit, unser Alter zu bestimmen, werden mit den Jahren immer jünger, oder aber wir hängen fest in mehreren Altern, sind neunzehn und dreißig und siebenundfünfzig zugleich, zur selben Zeit, es gibt nicht mehr ein Alter, sondern mehrere; ein unspürbarer Übergang von der Wahrheit zur Dichtung, wir dichten unser Alter und unsere Namen, wer wir sind und wer wir sein wollen. (Seite 181)

FAZIT: Tomas Espedal zu rezensieren, ohne einen Vergleich mit Karl Ove Knausgård zu bringen, ist scheinbar kaum möglich (Warum eigentlich? Norwegen?), aber auch ich möchte an dieser Stelle einen Querverweis setzen. Autobiografische Texte von Männern mittleren Alters sind eine Art Modeerscheinung in der aktuellen Literatur – interessant, kunstvoll und weltweit erfolgreich. Auch wenn es nahe liegt, Knausgård und Espedal in einem Atemzug zu nennen, unterscheiden sich die beiden doch sehr in ihrem Stil. Während der eine seinen Erinnerungen in ausufernden Wälzern freien Lauf lässt, verdichtet der andere seine Gedanken bis zur Schmerzgrenze. Knausgård verhält sich zu Espedal wie Sahnetorte zu Kommissbrot. Welchem Autor man eher zugeneigt ist, bleibt Geschmackssache. Mir persönlich hätten bei Espedal ein paar Ausschweifungen und Anekdoten mehr besser gefallen, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. WIDER DIE KUNST ist dennoch ein beachtliches Buch, das ich gerne weiterempfehle. 4 Sterne.

Im September gingen meiner Mutter das Haar aus.
»Im Lebenslauf einer Rose ist das Verblühen von größter Bedeutung« (Seite 137)

3 Gedanken zu “Tomas Espedal | WIDER DIE KUNST

    • Aber wenigstens ein Trend, den ich sehr interessant finde und dem ich gerne folge. Sonst stehe ich solchen Moden eher skeptisch gegenüber, besonders in der Literatur. Die nächsten Bücher auf meinem Stapel gehen alle in diese Richtung, mein aktuelles übrigens aufgrund Deiner Lobeshymnen. Danke also für den Ortsumgehungstipp; bin gespannt…

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s