Angelika Klüssendorf | VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER

D 2021 | 217 Seiten
Piper
ISBN: 978-3-492-05990-9

Sieh mal die Blumen, wollte sie sagen, doch sie tat es nicht.

(Seite 9)

Die Liste mit Romanen, in denen es darum geht, was mit uns nach dem Tod passiert, ist lang. Immer wieder versuchen sich Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt daran, ihre Vorstellung unseres Nachlebens in möglichst formvollendete Prosa zu gießen, sei es auf religiöse, philosophische oder humorvolle Art. Die Gedanken um ein eventuelles Leben nach dem Tod gehören sicher zu ältesten der Menschheitsgeschichte, kein Wunder also, dass jede Menge Geister, Untote und auf ewig wandernde Seelen die Literatur seit Jahrhunderten bevölkern. Zu den jüngeren Ergebnissen schriftstellerischer Arbeit zu diesem Thema zählen unter anderen DAS FELD von Robert Seethaler und LINCOLN IM BARDO von George Saunders, der für seinen Roman 2017 sogar mit dem begehrten Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Nun hat sich Angelika Klüssendorf an diesen nahezu unerschöpflichen Stoff gewagt und präsentiert mit VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER ihre ganz eigene Vision des süßen Jenseits.


Alles beginnt mit einem Mord: Hilde erschlägt ihren Mann Walter mit einer Axt und flieht aus dem Dorf, in dem sie wohnen. Es ist ein hilfloses Verbrechen, eine letzte verzweifelte Tat, begangen von einer leidenden Frau. Walter war ein zorniger Mann, Hilde musste Jahrzehnte seine Wutausbrüche und Demütigungen erdulden, doch ein Hirntumor ließ ihn wieder sanft werden, jugendhaft und verliebt. Nach all den schweren Jahren plötzlich wieder umworben und mit Zuneigung überschüttet zu werden, war für Hilde nicht zu ertragen.

Nun ist Walter tot, aber nach dem Tod ist noch lange nicht Schluss. Die Regeln im Jenseits sind denkbar einfach: Der Geist eines Menschen, sein Wesen – Klüssendorf vermeidet tunlichst das Wort ›Seele‹ – existiert weiter, solange sich jemand an ihn erinnert. Man darf die Lebenden beobachten und belauschen, kann aber weder Kontakt aufnehmen noch ins Geschehen eingreifen. Man kann den Ort des Ablebens nicht verlassen, innerhalb der Grenzen aber überall hin. Und man bleibt, wer man zum Zeitpunkt des Todes war – in Walters Fall also ein netter älterer Herr mit einem unschönen Spalt im Schädel. »Wie merkwürdig, Gast bei der eigenen Beerdigung zu sein«, heißt es auf Seite 22, doch es kommt noch weitaus merkwürdiger.

Walter kann es nicht fassen, dass seine liebe Hilde ihn erschlagen haben soll, und fragt sich, womit er das nur verdient habe. Und wohin ist Hilde eigentlich geflohen? Die anderen Toten – die, an die sich im Dorf noch jemand erinnert – klären ihn auf, was er vor seiner Krankheit doch für ein abscheulicher Kerl war. Hildes Mutter Gerda zum Beispiel, vor langer Zeit schon gestorben und noch immer im Bilde. Oder der schöne Karl, der seit Jahren ganz verrückt vor Eifersucht seiner Witwe Branka nachstellt. Oder Norbert, der als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg fahnenflüchtig wurde, von der Front Richtung Heimat lief und kurz vor seinem Ziel noch erschossen wurde; ständig hockt er bei seiner Mutter Röschen, der Dorfältesten. Walter muss lernen loszulassen. Nichts mehr wollen müssen, nichts mehr ändern können – das ist auch für einen Toten nicht leicht. Er wird zum Beobachter, zum Chronisten, zum Träger aller Geheimnisse des bunten Dorftreibens.


Bei oberflächlicher Lektüre wirken Angelika Klüssendorfs Sätze nüchtern und pragmatisch, doch sie weiß ganz genau, welche Szenen beschrieben, welche Worte gewechselt und welche Details bemerkt werden müssen, damit die Figuren genügend Tiefe bekommen. Alle Charaktere – die Toten wie die Lebenden – haben ihre Schwächen, ihre wunden Punkte, und Klüssendorf gelingt es mit wenigen Sätzen, diese aufzuspüren und sichtbar zu machen – eine Kunstfertigkeit, die sie bereits in ihrer Romantrilogie um DAS MÄDCHEN beeindruckend unter Beweis stellte. Hoch anzurechnen ist ihr zudem, dass sie die Geschichte nie ins Religiöse oder gar Esoterische kippen lässt; sie bleibt – trotz der übersinnlichen Grundidee – stets bei den Themen, die jeden angehen. Ein eindrucksvoller Roman über die Liebe, den Tod und all die Lebenslügen dazwischen.

Angelika Klüssendorf ist in diesem Jahr eine der sechs Autorinnen und Autoren, die im Rahmen der LiteraTour Nord ihre Bücher vorstellen. Ich freue mich schon sehr auf die Lesung in Rostock und hoffe, dass dieser miese kleine Corona-Virus der großartigen Veranstaltung nicht – wie letztes Jahr – wieder einen Strich durch die Rechnung macht…


VIERUNDREISSIGSTER SEPTEMBER erschien beim Piper Verlag, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick auf Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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