Jonathan Safran Foer | HIER BIN ICH

USA 2016 | 683 Seiten
OT: »Here I am«
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04877-3

VORAB: Als mir vor etwa zehn Jahren durch puren Zufall Jonathan Safran Foers ALLES IST ERLEUCHTET in die Hände fiel, war ich mir nach der Lektüre sicher: Diesen Roman wird so schnell nichts toppen. Ich war wie von den Socken. Und auch heute noch zähle ich Foers Erstling zu meinen All-Time-Top-Five. Wenn ein Schriftsteller in so jungen Jahren (Foer war bei Erscheinen gerade mal fünfundzwanzig) einen solchen Geniestreich raushaut, gekoppelt mit dem Wohlwollen der Kritiker und Leser gleichermaßen, dann hängt die Messlatte für lange Zeit verdammt hoch. Nun sind seit dem letzten Roman einige Jahre ins Land gezogen, Foer meldet sich mit HIER BIN ICH bei seinen begierigen Lesern zurück und die Frage lautet: Hat sich das Warten denn nun gelohnt?

Zu Beginn der Zerstörung Israels überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte. (Seite 11)

INHALT: Als Julia Bloch zufällig ein zweites Handy ihres Mannes Jacob findet und darin einen SMS-Dialog deftig sexueller Natur mit einer anderen Frau entdeckt, steht es um die gemeinsame Ehe nicht mehr gut. Jacob und Julia, beide um die vierzig, seit vielen Jahren verheiratet und Eltern dreier Söhne, waren immer so etwas wie das Vorzeigepaar in ihrem Bekanntenkreis, und nun gerät alles ins Wanken.

Auch ihr ältester Sohn Sam macht sich das Leben schwer. Seine Bar Mizwa steht kurz bevor, zu der ein großer Teil der Verwandtschaft aus Israel nach Washington eingeflogen wurde und bis zu der Urgroßvater Isaac, dem die Lebenskräfte schwinden, unbedingt durchhalten will. Außerdem wollen Jacob und Julia ihre Ehe bis nach der Feier aufrecht halten. Die jüdische Mündigkeitsfeier ist also nicht nur von religiöser, sondern auch von großer familiärer Bedeutung. Doch Sam hat arge Probleme in der Schule, will die Bar Mizwa verweigern und verliert sich mehr und mehr in einem Computerspiel namens Other-Life, in dem er als Samantha ein Parallelleben lebt.

All diese Probleme schrumpfen plötzlich auf Erbsengröße als ein verheerendes Erdbeben Israel erschüttert, worauf die arabische Welt scheinbar nur gewartet hat. Innerhalb von zwei Wochen liegt das Land in Trümmern und ist mit der halben Welt im Krieg. Als der israelische Premierminister in einer letzten hilferufenden Rede um die Umkehrung der Diaspora bittet (alle Juden im wehrfähigen Alter sollen heimkehren), fasst auch Jacob den Beschluss, in den Krieg zu ziehen. Ein Beweis für die Loyalität zur Heimat? Oder eine Flucht vor seinen Problemen?

FORM: Jonathan Safran Foer (*1977) zeigt auch in HIER BIN ICH sein ganzes handwerkliches Können. Der Roman ist sehr dialoglastig, was Foer meisterhaft beherrscht. Die Gespräche, ob wörtliche Rede oder per SMS/Chat/Telefon, sind großartig gelungen. (Ein Lob an dieser Stelle auch an den Übersetzer Henning Ahrens.) An manchen Stellen überlagern sich mehrere Handlungsebenen, und auch hier verliert Foer nie die Übersicht und lotst seinen Leser mit ruhiger Hand durch seinen vielschichtigen Plot.

Etwa auf der Hälfte des Buches gibt es ein Kapitel, eine Art Chronik, in dem anhand von Presseberichten und den Schlagzeilen zweier Wochen die Zerstörung Israels und der Weg in den Krieg und den sicheren Untergang nachvollzogen wird. Mit dieser fiktiven Katastrophe beweist Foer auch seinen politischen Weitblick, eine Seite, die ich von ihm vorher nicht kannte. Nun ist HIER BIN ICH keineswegs ein politischer Roman, zumindest nicht vordergründig, aber mit einem scheuen Blick auf die Levante, die zurzeit mit vorsätzlich gelegten Buschbränden von sich Reden macht, trifft Foer genau ins Schwarze und zeigt einmal mehr, wie empfindlich die Lage dort ist.

Doch genug des Lobes. Es gibt wirklich nicht viel zu bemängeln, aber eine Sache ging mir doch ziemlich auf den Wecker und das sind die Blochs selbst, jeder einzelne. Die Blochs – Jacob und Julia, die drei Söhne, Jacobs Vater und auch die eingeflogene Sippschaft – alles sind sie furchtbare Nörgler, Besserwisser und Querulanten. Jeder Furz wird bis ins kleinste Detail diskutiert und analysiert. Das fängt auf den ersten Seiten an und zieht sich bis ins letzte Kapitel, was mir manchmal echt den letzten Nerv raubte. Was für anstrengende Menschen! Nun muss man ja nicht immer mit den Protagonisten d´accord gehen, aber wenn die Sympathie vollends fehlt, bleibt der Lesespaß etwas auf der Strecke. Schade!

FAZIT: Toller Roman, grandioser Plot, super geschrieben, aber mit Abzügen beim Personal – 4 Sterne.

8 Gedanken zu “Jonathan Safran Foer | HIER BIN ICH

  1. Interessant, ich selbst war hin und weg von here I am, ein geschätzter Lesefreund, der mich erst auf den Roman u. Autor brachte hat dieselbe Kritik geäußert wie du, die ich allerdings nicht nachvollziehen konnte. So sind die Lesarten trotz fast einhelliger Begeisterung.

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    • Ohne Frage ist HIER BIN ICH ein lesenswerter Roman, den ich sehr genossen habe und auch gerne weiterempfehle. Dass ich mit den Charakteren nicht so recht warm wurde, muss ja auch nicht unbedingt negativ sein, manchmal ist das sogar förderlich für das Verständnis einer Figur. Foer bleibt für mich einer der besten jungen Autoren Amerikas und ich bin gespannt, was da noch alles kommt.

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  2. Das Buch steht bei mir auch ganz oben auf der Wunschliste. Aber auch „Alles ist erleuchtet“ muss ich nochmal eine Chance geben. So viele schwärmen davon. Ich konnte damals beim Erscheinen wenig damit anfangen. Vielleicht war das aber auch nur eine schwierige Lesezeit (Kinder noch ganz klein). Seitdem steht es hier im Regal und schaut mich vorwurfsvoll an.

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