Joachim Zelter | IM FELD

D 2018 | 154 Seiten
Klöpfer & Meyer
ISBN: 978-3-86351-461-7

Er war schweißüberströmt. (Seite 7)

Frank Staiger ist neu im badischen Freiburg und nutzt eine Herrentagstour des örtlichen Radvereins dazu, sich die Gegend anzuschauen und vielleicht ein paar Bekanntschaften zu machen. Aus den angebotenen Gruppen wählt er die mittlere, die mit dem angenehmen Durchschnittstempo von siebenundzwanzig Stundenkilometern. Der Gruppenführer aber – Landauer: von allen bewundert und gefürchtet – ist ein vom Radsport Besessener, ein Wahnsinniger, der die hilflose Gruppe auf eine elfstündige Tour de Force bis nach Frankreich, quer durch die Vogesen und wieder nach Hause jagt. Eine Fahrt, die nur wenige bis zum Ende durchhalten, aber niemand je vergessen wird…


In kurzen, knappen Sätzen peitscht Joachim Zelter (*1962) seine Leser durch die irrwitzige Knüppeltour über Berg und Tal. Was langsam beginnt, wird nach und nach zu einem Härtetest – sowohl für die Figuren als auch für uns, denn besonders im letzten Drittel kann man das Leid der völlig überforderten Fahrradfreunde kaum noch ertragen. Nach fast 350 Kilometern und über 4000 Höhenmetern liegt das stark dezimierte Peloton völlig zerstört am Boden, was an gewaltsamen Missbrauch durch einen Triebtäter erinnert und durchaus unangenehm zu berühren vermag. Dennoch kommt man aus einem gewissen Dauerlächeln nicht heraus, was ganz klar an Zelters Schreibstil liegt. Der Text wird mit jeder Seite absurder, grotesker, voller Bernhardscher Übertreibungen und mit jeder Menge Humor, der einen immer wieder aufrichtet und zum Weiterlesen anspornt – so wie Landauer seine arme Teufel antreibt bis an die Grenzen ihrer Kräfte.

Auch sehr gelungen ist Zelter der kühle, analysierende Blick auf die Spezies der Radsportbegeisterten, die nicht minder klischeebehaftet ist, wie die der Computernerds oder der Kreuzfahrturlauber. Die engen Hosen, die komischen Helme oder die kleinen Mützen mit den Schirmchen, und dass sie sich alle statt mit ihren Namen mit den Marken ihrer Räder ansprechen und alles Gesagte ständig wiederholen müssen, weil der Wind so in den Ohren pfeift – alles sehr gut beobachtet. Auch die entstehenden Gruppendynamiken, das ehrfurchtsvolle Getuschel und die Gerüchte über den legendären Gruppenführer, und Landauer selbst mit seiner krankhaften Erfolgssucht als Sinnbild für das moderne Arbeitstier… Joachim Zelter ist mit IM FELD ein kleines Meisterstück gelungen: Wunderbar geschrieben und mit der perfekten Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit.


IM FELD ist beim Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer COV_ZELTER_FELD_Lerschienen. Alle Information über Buch und Autor findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s