Joshua Cohen | SOLO FÜR SCHNEIDERMANN

USA 2007 | 530 Seiten
OT: »Cadenza for the Schneidermann Violin Concerto«
aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-626-6

KADENZ, italienisch, aus altitalienisch ‚cadence‘, bedeutet so ziemlich dasselbe wie in dieser Sprache und ist ein musikalischer Fachbegriff (lässt man mal die militärischen Definitionen mal beiseite), ein Substantiv. (Seite 11)

INHALT: Volles Haus in der ehrenwerten Carnegie Hall in New York City. Gespielt wird ein Violinkonzert, bei dessen letzten Akt eine Kadenz – ein freies Solo der Ersten Geige – zu hören sein soll. Doch statt sein Solo zu spielen und so sein Können zu demonstrieren, steht der Virtuose auf, legt seine Geige zur Seite und beginnt einen Monolog über Schneidermann, den Komponisten des Konzerts, der Jahrzehnte lang sein Freund und Mentor war und jetzt verschwunden ist. Vor dem erstaunten Publikum breitet Laster – so der Name des Violinisten – das komplette Leben Schneidermanns aus. Von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, über die gemeinsamen Jahre als Juden im amerikanischen Exil, mit einem Streifzug durch die Welt der Komponisten, Künstler und Philosophen, bis hin zu den unzähligen Kinobesuchen und der kritischen Bewertung des Gesamtwerkes Steven Spielbergs – Laster redet sich in eine Rage, hält sein Publikum die ganze Nacht gefangen und lässt niemanden gehen, bevor er seinen Nachruf beendet hat.

FORM: Mein lieber Mann! Was uns Joshua Cohen (*1980) hier in seinem Debütroman vor den Latz knallt, ist ein mächtig schwerer Brocken. Der Endlos-Monolog Lasters – den ich mir die ganze Zeit über als eine Art Woody Allen vorgestellt habe – beginnt eigentlich ganz locker und witzig. Cohen holt seine Leserschaft gut ab, indem er seine Hauptfigur kauzig und etwas verwirrt darstellt, was sich in Lasters Sprechweise niederschlägt: Viele Sätze werden nicht beendet, er springt von einem Thema zum anderen, die ganze Rede wirkt frei und assoziativ.

Doch im Laufe des Romans ändert sich der Ton vom charmanten Entertainer zu einem vom Leben Gepeinigten, der um seinen Freund trauert und sich seinen Weltschmerz von der Seele schreien will. Am Ende halten wir Leser eine fünfhundertseitige Publikumsbeschimpfung in Händen, die in ihrer Schreibwut und ihrem Zynismus einen Vergleich mit Thomas Bernhard nicht zu scheuen braucht. Kaum zu fassen, dass dieser Roman ein Debüt ist und sein Autor beim Schreiben erst Mitte zwanzig war.

FAZIT: Letztes Jahr habe ich mit VIER NEUE NACHRICHTEN – ebenfalls bei Schöffling erschienen – einen Kurzgeschichtenband von Joshua Cohen gelesen, der mir sehr gefallen hat. Sein überbordener Schreibstil und die verquere Art zu erzählen, haben mich sehr an Thomas Pynchon erinnert. Bei SOLO FÜR SCHNEIDERMANN war ich also schon etwas vorbereitet und bin – wie erwartet – begeistert. Der Roman verlangt sehr viel – in erster Linie Durchhaltevermögen –, belohnt aber auch übermäßig. Ich vergebe fünf blank polierte Sterne und lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster, indem ich behaupte: Joshua Cohen ist einer der Autoren über die man in hundert Jahren noch reden wird.


g-Cohen-Joshua-Solo-fuer-SchneidermannSOLO FÜR SCHNEIDERMANN ist beim Schöffling Verlag erschienen. Die Mammutaufgabe der Übersetzung hat Ulrich Blumenbach hervorragend gemeistert. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

3 Gedanken zu “Joshua Cohen | SOLO FÜR SCHNEIDERMANN

    • Lohnt sich wirklich, bin gespannt, wie Du es findest. Ich freue mich auf die kommenden Übersetzungen. Der Schöffling-Verlag bringt jetzt nach und nach alle Romane Cohens heraus. Gleich im Januar folgt das BUCH DER ZAHLEN – ist schon vorbestellt.
      Viel Spaß und beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

      Gefällt 1 Person

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