Elizabeth Wetmore | WIR SIND DIESER STAUB

USA 2020 | 320 Seiten
OT: »Valentine«
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0092-4

Sonntagmorgen draußen auf dem Ölfeld, kurz vor der Dämmerung.

(Seite 9)

Eine der trostlosesten Ecken der Vereinigten Staaten ist zweifelsohne das westliche Texas. Das Land ist flach und staubig, Hitzewellen und Sandstürme dominieren das Klima und das Einzige, das höher in den Himmel ragt als die Mesquitebäume, sind die unzähligen Ölpumpen, die in ewigem Auf und Ab das Panorama bestimmen. In der Nähe der kleinen Stadt Odessa, auf einer Ranch mitten im Nirgendwo, lebt die schwangere Mary Rose mit ihrer Tochter Aimee. Nahezu alle Männer der Gegend – Mary Rose‘ Ehemann Robert eingeschlossen – arbeiten auf den Ölfeldern. Es sind die Siebzigerjahre und die Ölförderung läuft auf Hochtouren. Die Männer trinken viel, sind roh und abgestumpft und nach getaner Arbeit lassen sie in billigen Absteigen die Sau raus. Wenn ein Mann hier stirbt, dann meist durch einen Arbeitsunfall; doch wenn eine Frau hier stirbt, dann meist durch die Hand eines Mannes.

Eines Tages steht ein mexikanisches Mädchen bei Mary Rose auf der Veranda und bittet um Wasser. Sie ist schwer verletzt, hat Aufschürfungen und Blutergüsse am ganzen Körper und kann sich nur noch mit letzter Kraft auf den Beinen halten. Mary Rose ist sofort klar – das Mädchen ist vergewaltigt worden. Ein Hauptverdächtiger ist schnell gefunden: Dale Strickland – gutaussehend, charismatisch, weiß. Mary Rose will Gerechtigkeit und sagt im folgenden Prozess gegen Strickland aus, doch in einer patriarchalen und unverhohlen rassistischen Gesellschaft ist das Wort einer Frau so wenig wert, wie das Wohl einer Mexikanerin.


Elizabeth Wetmore hat – mit über fünfzig übrigens – ein Debüt vorgelegt, das an Hoffnungslosigkeit kaum zu überbieten ist. Ich spreche auf meinem Blog ja nun wirklich selten Triggerwarnungen aus, aber im Fall von WIR SIND DIESER STAUB muss ich deutlich sagen, dass Menschen, bei denen Themen wie sexualisierte Gewalt und Frauenfeindlichkeit Schlüsselreize auslösen können, die Lektüre mit Vorsicht angehen sollten. Wetmore schreibt die Kapitel aus der Sicht verschiedener Frauen von Odessa und deren Töchter und nimmt in Bezug auf die Ungerechtigkeiten gegen ihr Geschlecht kein Blatt vor den Mund. Der offen gelebte Sexismus und die brutale Gewalt von Männern, die sich sicher sein können, dass ihre Verfehlungen kaum juristische Folgen haben – das sind die Themen, die dieser wichtige Roman verhandelt. Nun kann man sagen, dass das Geschilderte schon über vierzig Jahre her ist und dass seit jener Zeit eine Menge Wasser den Rio Grande hinabgeflossen ist; aber ein ungutes Gefühl sagt mir, dass sich in all den Jahren gar nicht so viel verändert hat – das macht den Roman aktueller als es den Anschein hat.

WIR SIND DIESER STAUB ist ein bewegendes Buch – stilistisch ausgefeilt und thematisch aufreibend.


WIR SIND DIESER STAUB erschien in der Übersetzung von Eva Bonné beim Eichborn Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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