Simon Strauß | SIEBEN NÄCHTE

D 2017 | 140 Seiten
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05041-2

Das hier schreibe ich aus Angst. Aus Angst vor dem fließenden Übergang. Davor, gar nicht gemerkt zu haben, erwachsen geworden zu sein. (Seite 11)

INHALT: S., der Ich-Erzähler, hat mit Ende zwanzig viel erreicht. Er kann nicht klagen – er ist klug und gebildet, Schule und Studium waren ein Klacks und der Karriere steht nichts mehr im Weg. Und doch wächst in ihm seit Längerem eine seltsame Furcht vor der Zukunft. Er hat Angst davor, zu leicht aus seiner Jugend zu gleiten in die Tristesse der Erwachsenenwelt, ohne Schrammen, ohne Narben, ohne je gesündigt zu haben. In einer blauen Stunde vertraut er sich T. an, einem Fremden, der diese Phase bereits hinter sich hat, und sie schließen einen Pakt: In den kommenden Monaten soll sich S. den sieben Todsünden hingeben. Sie bewusst zu suchen, zu begehen und dann über sie zu schreiben, dafür hat er je eine Nacht, von sieben Uhr abends bis sieben Uhr früh.

»Auf dass du eine findest, in der du dich wohlfühlst. Oder dich für immer von ihnen abkehrst«, hat er gesagt. (Seite 21)

Also zieht S. los, ist übermütig und maßlos, faul und gierig, er neidet, lüstert und wütet, und nach einem Jahr voller Ausschweifungen bekommt er einen Brief von T., ein Fazit, ein Urteil. Denn wie geht das Leben weiter, wenn man erstmal eine Sünde gekostet hat?

FORM: Simon Strauß (*1988) hat mit SIEBEN NÄCHTE weniger einen Roman, als eher eine Sammlung von Essays vorgelegt. (Tatsächlich taucht die Bezeichnung Roman auch nirgends auf.) Eingerahmt sind die Texte voder Einführung der Hauptfigur, der Begegnung mit T. und dessen abschließenden Brief. Das Hauptaugenmerk aber liegt natürlich auf den sieben Sündenberichten. Hier gibt sich Strauß nicht mit simpler Prosa zufrieden, sondern strickt einen dicken Teppich aus poetischer Polemik (oder – wem das lieber ist – polemischer Poesie) und schafft auf diese Weise Kampfschriften, die anecken, wachrütteln, ohrfeigen sollen, die dafür gemacht sind, mit Megaphonen von großen Bühnen in die bräsigen Ohren der Gesättigten geschrieen zu werden. Keine Frage: SIEBEN NÄCHTE hat das Zeug zum Kultbuch.

Das Einzige, was meine Euphorie etwas zügelt, ist, dass ich Strauß diese Message nicht abkaufe. Ich muss vorab natürlich gestehen: Ich kenne Simon Strauß nicht persönlich, nur die öffentliche Person. Aber was ich da sehe – Spross aus gutem Hause, studierte in vier verschiedenen Ländern, Theaterkritiker bei der FAZ, und das mit nicht mal dreißig – das ist mir alles viel zu begabt und beschenkt, zu diszipliniert und glatt. Sicher wird er seine kämpferischen Phasen haben – Wer hat die nicht? –, wie ein wahrer Sünder aber wirkt er beim besten Willen nicht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie er mit Schaum vor dem Mund ausflippt vor Wut oder auch nur eine Stunde mit Nichtstun vergeudet. Und mehr als fünfundsiebzig Kilo hat er bestimmt auch noch nie gewogen.

Wie dem auch sei…

FAZIT: Großartig geschrieben und für ein Debüt aller Ehren wert. Ich habe mich sehr gern in die sieben sündigen Nächte entführen lassen, behalte aber aus genannten Gründen ein Stern. Bleiben vier.


Ich danke dem Blumenbar-Verlag für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier.

6 Gedanken zu “Simon Strauß | SIEBEN NÄCHTE

  1. Ich hab ihn gern gelesen und stimme dir zu, dass „Sieben Nächte“ ein Kultbuch werden könnte. Es rüttelt auf, stimmt nachdenklich. Ich hätte mir allerdings ein bißchen mehr Sünde und Zynismus à la Michel Houellebecq gewünscht. Auch mir war es manchmal zu glatt und zu perfekt.
    Würde mich ebenfalls für vier Sterne entscheiden.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich habe jetzt sowohl positivste als auch negativste Meinungen zu diesem Buch gelesen … aber so richtig packt mich das vom Thema her nicht – aber wer weiß, da ich ein sehr neugieriger Mensch bin, könnte es durchaus sein, dass ich mir meine eigene Meinung bilden will. LG, Bri

    Gefällt 1 Person

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