Alain Damasio | DIE FLÜCHTIGEN

F 2019 | 844 Seiten
OT: »Les furtifs«
Aus dem Französischen von Milena Adam
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-7518-0039-6

»Da drinnen ist er …«
»Woher weißt du, dass er da drinnen ist?«

(Seite 7)

Frankreich im Jahre 2040. Die Ehe von Lorca und Sahar liegt seit dem Verschwinden ihrer Tochter Tishka in Scherben. Da alle Bemühungen und Untersuchungen seit Monaten im Sande verlaufen, geht Sahar vom Schlimmsten aus; Lorca dagegen gibt seine Hoffnung nicht auf und ist sich sicher, dass Tishka lebt – nur auf gänzlich andere Art als zuvor…

Alain Damasio (*1969) führt uns in seinem aktuellen Roman DIE FLÜCHTIGEN durch eine grellbunte Mischung aus Familiendrama, Bio-Thriller à la Jeff Vandermeer und Big-Data-Dystopie, gegen die die CIRCLE-Romane von Dave Eggers wirken wie die Kaffeepause der IT-Abteilung einer Kreissparkasse.


Kurz zum Setting: In Damasios Zukunftsvision sind Länder, Städte und Gemeinden komplett in den Händen weltumspannender Konzerngiganten. Alle Metropolen tragen mittlerweile die Namen von HiTech-Firmen. Die herkömmlichen Regierungen gibt es nur noch pro forma und die entscheidenden politischen Posten sind von wirtschaftstreuen Lobbyisten besetzt. Die Einwohner werden durch Drohnen und ähnliche Technologien permanent überwacht, bespitzelt und denunziert. Zusätzlich liefern sie alle Daten durch spezielle Ringe am Finger selbst an die Kommunikationsfirmen. Für die Ringe – einer optimierten Weiterentwicklung unserer heutigen Smartphones und -watches – gibt es unterschiedliche Tarife je nach Einkommen und gesellschaftlichem Stand. Wer für den Premium-Tarif kein Geld hat, darf sich auch nicht überall in der Stadt aufhalten und wird von vielen Vorteilen, die die durchtechnisierte Welt zu bieten hat, ausgeschlossen. Wer den Ring gänzlich ablehnt, kann sich quasi kaum noch fortbewegen und wird in den Untergrund gezwungen.

Lorca ist einer jener Technik-Skeptiker und mogelt sich seit Jahren so durch die schöne neue Welt, doch um seine Tochter zu retten, ist ihm jedes Mittel recht – auch der Ring (»…sie alle zu knechten…«). Er schließt sich einer geheimen Projektgruppe an, die sich auf das Aufspüren und Eliminieren einer neuen Lebensform spezialisiert hat, den sogenannten Flüchtigen, von denen Lorca annimmt, dass sie Tishka entführt haben. Diese Spezies – Meister der Tarnung in völlig unterschiedlichen Erscheinungsbildern von fledermaus- bis menschenähnlich – ist nahezu unerforscht und es gibt von Heiligenverehrung bis hin zur Leugnung die gesamte Bandbreite an Meinungen über sie. Lorca ist sich sicher: Tishka ist bei den Flüchtigen und er muss sie aus deren Klauen befreien. Doch je mehr er über diese sonderbare Lebensform lernt, desto klarer wird ihm, dass jene Unsichtbaren keine Feinde sind, sondern eher der nächste Schritt der Evolution heraus aus der Sackgasse des Hyperkapitalismus.


Meine Fresse, was für ein Brocken! Mir brummt jetzt noch der Kopf angesichts der wahnwitzigen Geschichte, die Damasio hier vorgelegt hat. Das liegt aber nicht nur an dem polythematischen Plot, der zum einen eine herbe Technik- und Gesellschaftskritik darstellt und politischen Machtmissbrauch aller Art aufzeigt – der Roman spitzt sich in seinem Verlauf bis zu einem Bürgerkrieg zu –, und zum anderen bis ins kleinste Detail durchspielt, wie sich die Menschheit auf jedwede Weise – wissenschaftlich, religiös oder esoterisch – einer bedeutenden geschichtlichen Umwälzung nähern kann. Nein, auch die stilistischen Ideen, mit denen Damasio experimentiert, machen das Buch zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis.

DIE FLÜCHTIGEN ist aus ständig wechselnden Perspektiven der Haupt- und Nebenfiguren geschrieben. Wer gerade aus der Ich-Form erzählt, wird aber nicht mit einem schlichten Vermerk in der Überschrift mitgeteilt, sondern durch Variationen in den Schriftzeichen. Lȯrċȧ zum Bėispiėl hȧt ėinė Übėrzȧhl ȧn Punktėn ȧuf dėn Buċhstȧbėn, ȧuċh dȯrt, wȯ ġȧr kėinė hinġėhörėn; beı seıner Frau Sahar dagegen fehlen dıe Punkte meıst. Eine andere Figur hat ohne Ende Zîrkûmflêxê, Brĕvĕn und Hǎtščhěkš auf den Lettern, bei ))einer(( weiteren) wimmelt () es) vor Klammern). Dadurch entsteht beim Lesen – neben der jeweiligen figurtypischen Sprache und Wortwahl – eine Art Tonfall, eine Stimmfarbe, an der man erkennt, wer gerade spricht. Hinzu kommt, dass diese Schriftanomalien zunehmen oder abschwellen, je nachdem wie aufgeregt die Figur oder wie eng der Kontakt zu einem Flüchtigen ist. Man erkennt also Stresslevel, Gemütszustand und Umgebung einer Figur nur am Schriftbild – Ein irre guter Einfall.


Dass der Berliner Verlag Matthes & Seitz in nahezu jedem seiner Programme mindestens einen Titel veröffentlicht, der die Grenzen des Erzählbaren in Stil und Form auslotet oder gar überschreitet, ist nicht erst seit Frank Witzels Buchpreis-gekröntem opus magnum DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE FRAKTION DURCH EINEN MANISCH-DEPRESSIVEN TEENAGER IM SOMMER 1969 bekannt. Anne Webers Heldinnenepos ANNETTE – ebenfalls mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet – und Sandra Newmans ICE CREAM STAR sind beste Beispiele dafür, dass experimentelle Literatur und Lesevergnügen durchaus Hand in Hand gehen können. Wer auch immer bei Matthes & Seitz für die Programmauswahl zuständig ist: Mach genauso weiter!

Ganz besonders hervorheben möchte ich Milena Adam, die Übersetzerin dieses Monumentalwerkes, die schon bei ICE CREAM STAR tief in die Trickkiste der sprachlichen Mittel gegriffen und auch hier wieder ganze Arbeit geleistet hat. Ich ziehe hochachtungsvoll den Hut vor der grandiosen Leistung dieser Frau, die für die Übertragung dieses Textes ganz klar für den Übersetzungspreis der Leipziger Buchmesse 2022 nominiert werden muss. (Wënn sïë ïm März gëgën jëdë Vërmütüng nïcht äüf dër Lïstë stëhën sölltë, gëh ïch ïn Lëïpzïg dïë Wändë höch, däs könnt Ïhr wïssën!)

Ǔñḅĕđïňḡt łëŝȩὴ!


DIE FLÜCHTIGEN erschien – wie schon mehrfach erwähnt – im Verlag Matthes & Seitz Berlin, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet. Bei den Downloads findet Ihr auch ein sehr aufschlussreiches Übersetzungsjournal von Milena Adam, die sich dort sehr offen in die Karten gucken lässt (Aber Achtung: Spoileralarm!).

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

3 Gedanken zu “Alain Damasio | DIE FLÜCHTIGEN

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