Anthony Doerr | WOLKENKUCKUCKSLAND

USA 2021 | 532 Seiten
OT: »Cloud Cuckoo Land«
Aus dem Englsichen von Werner Löcher-Lawrence
C. H. Beck
ISBN: 978-3-406-77431-7

Ein vierzehnjähriges Mädchen sitzt im Schneidersitz auf dem Boden eines kreisrunden Gewölbes.

(Seite 12)

Macht Ihr Euch auch manchmal Gedanken darüber, was am Ende aller Zeiten von uns noch übrig ist? Ich meine nicht von Dir oder mir als einzelnem Individuum, sondern von uns als Menschheit. Also das, was wir hinterlassen, wenn die Letzten unserer Art schon längst zu Staub zerfallen sind – unser Erbe, unser Nachlass. Wenn in zigtausenden von Jahren irgendeine zukünftige, sechsbeinige und extrem robuste Huftierart in den Ruinen einer beliebigen ehemaligen Großstadt rumschnüffelt, was wird sie finden? Wahrscheinlich tonnenweise Tupperdosen, halten ja ewig, die Dinger … aber was soll das Zukunftsgnu damit? Dass alles, was wir produzieren, irgendwann einmal auf dem Müll landet, ist ein genauso unumstößlicher Fakt, wie, dass alles was lebt, irgendwann stirbt. Die Mona Lisa wird zerfallen, genauso wie die Golden Gate Bridge; die Cheops-Pyramide wird von den Winden von Tausenden Jahren immer weiter abgeschliffen und den Eurotunnel wird die Last des Ärmelkanals irgendwann zerdrücken.

Aber wie steht es mit immateriellen Dingen? Mit Bräuchen oder Riten, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben werden? Mit Tänzen, Sprachen oder Erzählungen? Wenn am Ende niemand mehr da ist, der sich an sie erinnert, dann sind auch solche Vermächtnisse tot und vergessen, dennoch halten sie sich oft länger als so manches – angeblich für die Ewigkeit gemachte – Produkt der Neuzeit. Um ein solches Erbe – eine zweitausend Jahre alte Geschichte, um genau zu sein – geht es im neuen Roman von Anthony Doerr, der darum einen wahrlich meisterhaften zeit- und raumumfassenden Bogen schlägt.


Die märchenhafte Geschichte vom Wolkenkuckucksland erzählt von einem einfachen Schäfer, der während seiner Suche nach einem sagenumwobenen Königreich erst in einen Esel, dann in einen Fisch und schließlich in einen Vogel verwandelt wird. Er findet den Ort seiner Träume, doch nur, um dort festzustellen, dass er wieder nach Hause will. Diese Geschichte ist fast so alt wie unsere Zeitrechnung und es bedurfte einer Reihe von Zufällen, dass sie uns heute noch erhalten ist.

Ersonnen wurde sie von einem griechischen Dichter, der sie mündlich weitergab. Viel später dann wurde sie auf Tafeln verewigt und in einer geheimen Bibliothek in Konstantinopel vergessen. Die junge Anna stolpert im 15. Jahrhundert über die verrotteten Tafeln und reproduziert sie. Nach der Belagerung der Stadt gelangen sie zu italienischen Gelehrten, wo sie wieder in Vergessenheit geraten. Erst in der heutigen Zeit werden sie in fast unlesbarem Zustand wiederentdeckt und von Zeno, einem Hobby-Übersetzer aus Idaho, zurück ins allgemeine Gedächtnis geholt. Ein weiteres Jahrhundert später sitzt Konstance in einem Raumschiff auf dem langen Weg zu einem Planeten, auf dem die Menschen eine neue Zivilisation gründen wollen – mit im Gepäck: Hunderte tiefgefrorene Pflanzensamen und die Geschichte vom Wolkenkuckucksland.


Ich liebe ja groß angelegte Romane, in denen viele einzelne Episoden über kleine Zufälle miteinander verwoben sind. David Mitchells Debüt CHAOS fällt mir da auf Anhieb ein, oder sein Welterfolg WOLKENATLAS, der ja auch namentlich hier Anklang findet. Aber auch Richard Powers‘ DIE WURZELN DES LEBENS oder Filme wie MAGNOLIA. Nun reiht also Anthony Doerr ein weiteres Buch in diese Riege, und das mit Bravour. WOLKENKUCKUCKSLAND ist ein von Anfang bis Ende gelungenes Leseerlebnis, perfekt komponiert und großartig geschrieben. Alle drei Hauptstränge – Anna, Zeno und Konstance, in wildem Wechsel über das Buch verteilt – besitzen eine eigene Dynamik und Spannung und könnten locker als eigenständige Romane bestehen. Da sie aber durch die antike Erzählung zusammengehalten werden und Doerr die entscheidenden Schnittstellen bis zum Schluss verheimlicht, bekommen alle Stränge ein zusätzliches Gewicht. Und ganz nebenbei erfährt man vor jedem Kapitel einen Teil der Geschichte des Schäfers auf seiner Suche.

Doerr macht im Laufe der gut fünfhundert Seiten thematisch ein Fass nach dem anderen auf: Kriege, Seuchen, verdrängte Homosexualität, Armut, Coming-of-Age, Umweltverschmutzung und Terroranschläge. Hinzu kommen wahrlich dramatische Wendungen im Schicksal so gut wie jeder Figur seines Romans. Meistens bin von Büchern, die so viele verschiedene Themen anschneiden, überfordert; ich halte es prinzipiell für besser, auf kleiner Fläche zu ackern, dann aber die Furchen tiefer zu ziehen. Bei WOLKENKUCKUCKSLAND ging es mir anders. Jedes Kapitel, jede Figur, jedes Schicksal nahm mich komplett in den Bann und Doerrs gekonnter Schreibstil führte mich atemlos durch die Seiten. Ein ganz großes Highlight in diesem Jahr!

Ich bin so restlos begeistert, dass ich jetzt einen Satz schreibe, den ich schon lange nicht mehr geschrieben habe: Wenn Ihr in diesem Herbst nur ein Buch lesen dürftet, nehmt dieses!


WOLKENKUCKUCKSLAND erschien beim Verlag C.H.Beck, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

5 Gedanken zu “Anthony Doerr | WOLKENKUCKUCKSLAND

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s