FBM19-Tagebuch | Messefreitag

Nun ist er da, der Tag für den ich eigentlich angereist bin. Heute wird der Buchblog-Award verliehen, für den ich – dank Eurer Hilfe – bereits zum zweiten Mal im Finale stehe. Die Preisverleihung findet um 12°° Uhr im Messe-Pavillon statt; Termine habe ich bis dahin keine. Den Vormittag habe ich mir extra freigehalten, damit ich stressfrei noch ein bisschen herumlaufen kann und einen klaren Kopf behalte. Eigentlich fühle ich keine große Aufregung, bin sogar ziemlich entspannt, aber die Gedanken kreisen viel um den Award. Zu behaupten, er sei mir egal, wäre gelogen – natürlich möchte ich den Preis gewinnen. Aber es ist wohl gesünder, nicht zu viel zu erwarten, dann ist die Enttäuschung nicht ganz so groß.

Mit diesen Gedanken gehe ich um halb zwölf zum Pavillon, wo sich die ersten Finalisten schon eingefunden haben. Als alle eingetrudelt sind, gibt’s ein Gruppenfoto, dann schreiten wir zur Tat.

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(c) Buchblog-Award

Da es in diesem Jahr nur vier Kategorien gibt – statt der neun im letzten Jahr –, wirkt die Preisverleihung sehr viel ruhiger und organisierter. Es bleibt mehr Zeit für Gespräche und es wird im Vorfeld stärker auf die Arbeit der Jury eingegangen, was ich sehr interessant finde. Sarah Beul, die Moderatorin, macht auf der Bühne einen guten Job, der Saal ist proppenvoll und das Publikum geht gut mit. Dann werden die Preisträger verlesen. Zunächst die für den besten Buchhandlungsblog (bookupwithjakob), den besten Verlagsblog (RedBugBooks) und den besten Newcomer (Die lesende Käthe). Dann ist es soweit. Bis hierhin war ich die Ruhe selbst, aber jetzt werde ich doch noch kurzatmig. Vielleicht habe ich ja tatsächlich eine Chance! Vielleicht haben meine Texte, die Aufmachung meines Blogs und meine Haltung zur Literatur der Jury wirklich so gut gefallen, dass sie sich am Ende doch für mich… Doch dann passiert der Moderatorin ein Patzer, und ich weiß, dass ich es nicht sein kann.

Als Sarah die einzelnen Blogs vorstellt, stolpert sie über das HRO in meinem Namen, liest das O auch noch als Q und spricht alles englisch aus – Äitsch Arr Kjuh. Ich vermute, der Gewinner war ihr vor der Moderation bekannt; wäre ich das gewesen, wäre ihr dieser Fehler wohl kaum unterlaufen. Ich hake die ganze Nummer also innerhalb einer halben Sekunde für mich ab und warte ab jetzt rein interessehalber nur noch auf das Ergebnis. Gewonnen hat Nicole Seifert mit ihrem Blog Nacht und Tag, vollkommen zurecht wie ich finde – Herzlichen Glückwunsch, Nicole, falls Du das hier liest. Nach dem letzten Applaus schnapp ich mir meine Tasche und verlasse den Pavillon. Es regnet…

Ich mach mich sofort auf den Weg zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wo um 13°° Uhr das Treffen der Buchpreisblogger stattfindet. Dieses Jahr wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises von einer bunten Schar Bloggern begleitet, je einer pro Titel. Ich gebe zu, dass ich mit meinem Titel nicht ganz so warm geworden bin, dennoch war es eine sehr interessante Erfahrungfür mich, die ich im nächsten Jahr gern wiederholen würde. Im Gespräch mit einer Mitarbeiterin des Börsenvereins bekam ich auch noch mal die Bestätigung, dass gerade auch kritische Meinungen gern gesehen sind, sonst könnte man ja auch einfach nur die Klappentexte kopieren. Insofern: Alles richtig gemacht.

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(c) Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die nächsten Stunden verbringe ich auf einem äußerst bequemen Sofa in einer ruhig gelegenen Ecke abseits des ganzen Messetrubels. Von dem Sofa aus blickt man durch ein Panoramafenster aus fünf Metern Höhe auf das Menschenchaos in Halle 3. Gestern und heute ist die Besucherzahl sehr viel höher als am Mittwoch, und das sind alles nur Fachbesucher. Morgen erst wird die Messe für die Öffentlichkeit freigegeben, da sind dann noch drei- oder viermal so viele Leute da. Bin ich froh, dass ich morgen wieder abreise. Ich versuche noch ein bisschen zu lesen, kann mich aber nicht richtig konzentrieren, irgendwie ist die Luft raus. Beim Wallstein-Verlag gibt es noch ein Sektempfang für den Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, den ich sehr schätze, aber der Stand ist so klein und eng, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemandem auf die Füße zu treten. An Bärfuss kommt man auch nicht ran, da der arme Mann von zig Leuten umringt wird. Ich greife mir ein Glas Sekt, trinke es in einem Zug leer und mach mich aus dem Staub. Gegenüber bei Schöffling sitzt Burkhard Spinnen bequem in einem Sessel und beobachtet das Schauspiel. Als ich ihn erblicke, nickt er mir zu, ich nicke zurück – wir sind Verbündete, verstehen uns auch ohne Worte.

Als ich aus der Halle trete, die frische Luft einatme und die Stille genieße, merke ich, wie sehr mir die Ohren klingeln und beschließe, dass die Messe für mich hiermit beendet ist. Drei Tage sind mehr als genug; in Leipzig war ich schon nach zwei Tagen fix und fertig. Am Abend ist noch eine Lesung in der Altstadt, auf der Isabel Bogdan ihren neuen Roman LAUFEN vorstellt, da will ich noch hin.

Ich nehme die U-Bahn-Linie, die von der Messe direkt in die Altstadt fährt. Dort angekommen, passiert auf der Rolltreppe nach oben noch ein kleiner Unfall. Ich gucke – wie das bei Rolltreppen so üblich ist – auf den Rücken meines Vordermannes. Der Mann ist recht alt, sehr dick und trägt ein abgewetztes Sakko aus hellbraunem Cord. Die Rippen im Gewebe sind an vielen Stellen schon fadenscheinig und ein länglicher dunkler Fleck zieht sich vom Steiß zum Gesäß. Und wie ich das alles gerade so interessiert betrachte, springt mir dieses schmierige Sakko direkt ins Gesicht! Ich greife dem Mann mit einer Hand um die gewaltige Hüfte, mit der anderen kralle ich mich am Handlauf fest und versuche dabei, die Balance zu halten und nicht nach hinten zu kippen. Gar nicht so leicht; der Mann wiegt ’ne Tonne! Er schreit und die Frau vor ihm auch. Als ich einigermaßen im Gleichgewicht bin, stemme ich den Mann wieder in die Senkrechte und sehe, dass er die Frau vor sich auf gleiche Weise im Arm hält. Als wir oben ankommen, entschuldigt sich die Frau sofort bei dem Mann und der bei mir. Die Frau muss umgeknickt sein, sie hat Stöckelschuhe an und ist wohl mit einem Absatz nach hinten die Stufe runtergerutscht, was die kleine Kettenreaktion ausgelöst hat. Sie entschuldigt sich noch dreimal, dann lachen wir alle und gehen unserer Wege.

Die Bogdan-Lesung ist gut, auch wenn mir das Ambiente im Stadthaus nicht so zusagt. Außerdem sind sämtliche Stühle besetzt, sodass ich ganz hinten an der Wand lehnen muss, was meinen Füßen gar nicht gefällt. Auch mein Rücken schmerzt seit dem Rolltreppenvorfall unheilvoll. Nach der Lesung kauf ich mir ein Exemplar und lass es mir signieren. Dann geht’s ohne Umwege zurück zum Bahnhof und nach Hause. Morgen klingelt der Wecker schon um sechs; ich muss zusehen, dass ich noch ein bisschen Schlaf abkriege.


 

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Ein Gedanke zu “FBM19-Tagebuch | Messefreitag

  1. Ich kann aus Deinem heutigen Text Deine Erschöpfung und Enttäuschung deutlich herauslesen. Und das ist ja auch verständlich, wenn man sich so große Hoffnungen macht. Aber unter den Finalisten zu sein ist schon eine besondere Leistung, und die Preisvergabe ja auch immer subjektiv. Gräm‘ Dich nicht zu lange und mach so weiter. Mir gefällt Dein Blog sehr gut.

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