Percival Everett | ICH BIN NICHT SIDNEY POITIER

USA 2009 | 288 Seiten
OT: »I am Not Sidney Poitier«
Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Luxbooks
ISBN: 978-3-939557-09-8

Ich bin die schicksalsgeplagte Frucht einer hysterischen Schwangerschaft, aber überraschenderweise nicht selbst hysterisch, wenn auch vielleicht etwas seltsam.

(Seite 9)

Am 6. Januar 2022 starb Sidney Poitier – Schauspieler, Regisseur, Diplomat, Hollywood-Legende und Ikone im Kampf gegen den Rassismus in den Vereinigten Staaten. Zu seinen erfolgreichsten Filmen zählen die Klassiker FLUCHT IN KETTEN, IN DER HITZE DER NACHT und LILIEN AUF DEM FELDE, für den er 1964 als erster Afro-Amerikaner den Oscar für die beste Hauptrolle gewann. Als ich nach der Meldung seines Todes ein wenig im Netz stöberte, stieß ich auf einen Roman mit dem sehr eigenwilligen Titel ICH BIN NICHT SIDNEY POITIER von Percival Everett, einem Autor, von dem ich vor einigen Jahren schonmal ein Buch gelesen hatte, das mir in guter Erinnerung geblieben war. Also her damit – gekauft, angelesen, schockverliebt. Allein der Klappentext hat schon ausgereicht, um mich in den Bann zu ziehen.

Titelheld und Ich-Erzähler ist Nicht Sidney Poitier … also … er ist nicht nur nicht Sidney Poitier, er heißt auch noch so: Nicht Sidney Poitier ist sein Name … ganz ehrlich, Leute, solche Gags machen mich fertig.

»Wie heißt du?« […]
»Nicht Sidney.« […]
»Gut, wie dann?«
»Wie ich gesagt habe. Nicht Sidney.«
»Niemand hat dich Sidney genannt.«
»Nein, ich heiße Nicht Sidney.«
[…] »Was ist denn mit dem los?«
[…] »Nichts ist mit mir los. Mein Name ist Nicht Sidney.«

(Seite 21f.)

Leider hat Nicht Sidney – der dem echten Sidney übrigens täuschend ähnlich sieht – nicht nur mit den Missverständnissen bezüglich seines Namens zu kämpfen. Er gerät dank seines gepflegten Äußeren und seiner hochgestochenen Ausdrucksweise immer wieder in Schwierigkeiten mit der weißen Bevölkerung, besonders mit jenen engstirnigen Einwohnern des amerikanischen Südens, wo er aufwächst. Da kommt es schon mal vor, dass Nicht Sidney von einem Hillbilly-Sheriff wegen Schwarzseins – in Georgia scheinbar verboten – eingebuchtet wird. Im günstigsten Fall wird Nicht Sidney skeptisch beäugt; die Leute denken einfach, er hielte sich für etwas Besseres – was er leider auch ist. Er ist blitzgescheit, extrem gutaussehend, verfügt über hypnotische Kräfte und dank seines Ziehvaters – dem Medienmogul Ted Turner – über Unmengen finanzieller Mittel. Doch das alles macht ihm das Leben nicht leichter, höchstens komplizierter. Verbündete im Kampf gegen die Schikanen des Alltags hat Nicht Sidney nur wenige, einer davon ist sein College-Professor namens … Percival Everett.


Zugegeben: Der Namenswitz um Nicht Sidney nutzt sich im Laufe der knapp dreihundert Seiten irgendwann ab, da er in allen erdenklichen Möglichkeiten durchgespielt wird. Aber das ist nicht der einzige running gag in diesem Buch. Besonders die Nebenfiguren – fiktiv oder real – sind grandios beschrieben, allen voran Nicht Sidneys Ziehvater Ted, der die Leute mit seinen schlagartigen Themenwechseln zur Weißglut bringt. Und der völlig verpeilte Professor wäre allein schon die Lektüre des Buches wert. Ich denke, neben dem Rassismus ist das Aneinandervorbeireden, das Einandernichtverstehen auch ein großes Thema für Everett.

Lässt man aber das ganze Gewitzel mal außen vor und den Bodennebel sich verziehen, wirkt der Roman seltsam konstruiert. Jedes der etwa gleich langen Kapitel ist in sich geschlossen, hat einen Anfang, eine Wendung und ein Ende, nach dem sich Nicht Sidney ins nächste Abenteuer stürzen kann. Das erinnert ein wenig an die alten Fortsetzungsromane aus dem 19. Jahrhundert, ist also nicht mehr so ganz zeitgemäß. Auf der Hälfte begann mich das zu stören, so dass ich mich fragte, warum Everett seine Geschichte auf diese Weise erzählt – der Mann ist ein versierter Autor, der macht das sicher nicht ohne Grund. Auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite bekam ich die Erklärung: Jedes Kapitel steht für ein Werk aus Sidney Poitiers Filmografie, deswegen wirken die einzelnen Stationen, die Nicht Sidney durchleben muss, so klar voneinander getrennt. (Offen gestanden kenne ich viel zu wenige Poitier-Filme; das muss ich dringend ändern.) Everett gelingt aber dennoch das Kunststück, alle Episoden sauber zu vereinen, und diesen Bogen mit einem völlig unerwarteten Schlussakkord enden zu lassen.

ICH BIN NICHT SIDNEY POITIER ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man ernsten Themen wie dem amerikanischen Rassismus durchaus mit einer gehörigen Portion Humor auf die Pelle rücken kann. Romane, die sich diesem Sujet auf ganz ähnliche Weise nähern, wären Fran Ross‘ OREO und Paul Beattys DER VERRÄTER – beide ebenso lesenswert wie dieser hier.


ICH BIN NICHT SIDNEY POITIER erschien in der Reihe Ohrensessel des Verlages Luxbooks. Den Verlag scheint es nicht mehr zu geben, das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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