FBM19-Tagebuch | Messemittwoch

Der Wecker klingelt um 6:30 Uhr. Ich frage Euch: Ist das noch Urlaub? Aber nützt ja nix, hoch mit den müden Knochen. Gegen acht verlasse ich das Haus; meine Gastgeberin ist so freundlich, mich nach Hanau zu fahren, von wo aus ich leichter nach Frankfurt komme. Auf dem Hanauer Bahnhof esse ich ordentlich Frühstück, hier sind die Preise noch erträglich. Ein riesiges Brötchen mit Frikadelle und Salat für schlappe zwei Euro, da kann man nicht meckern. Einen Kaffee dazu und auf geht’s.

In Frankfurt scheint doch tatsächlich die Sonne, also beschließe ich, zu Fuß zur Messe zu gehen. So groß wie befürchtet, ist das Gedrängel vor dem Messeeingang gar nicht, das war in Leipzig deutlich schlimmer. Ganz im Gegenteil, es ist sogar ziemlich entspannt. Termine habe ich erstmal keine, also knöpfe ich mir in aller Ruhe Halle 3 vor. Die Halle ist zweistöckig und riesengroß; um alle Reihen und Spalten abzulaufen, brauche ich eine Stunde pro Etage. Die Stände der Verlage ähneln sich natürlich mehr oder weniger – je nach Renommee variert nur die Größe –, aber dennoch können einige Verlage immer wieder überraschen. Sehr gefallen hat mir der Stand von Kain & Aber: Eine Video-Projektion in einem abgedunkelten Kubus, in dem auf drei Wänden animierte Buchtrailer abgespielt werden, je nachdem, welches Cover man auf der Hauptwand anklickt. Tolle Idee, schön bunt und fantasievoll. Sehr gefreut habe ich mich auch über den Stand der Zeitschrift KATAPULT aus Greifswald, der für ein so junges Magazin erstaunlich groß ist. Ich decke mich mit großartig gestalteten Postkarten ein, kaufe ein Literaten-Quartett und komme mit einer Mitarbeiterin ins Gespräch. KATAPULT gehört, was die Abonnentenzahlen angeht, zu den großen Abräumern der letzten Jahre; ein Erfolg, den ich ihnen absolut gönne.

Gegen 14 Uhr machen meine Beine schlapp. Die Cafés in den Hallen sind rappelvoll und sonstige Sitzplätze sind rar. Draußen hat es angefangen zu regnen und alle Bänke sind nass, also beschließe ich, mein Glück außerhalb des Messegeländes zu versuchen. Gleich nebenan ist das Skyline Plaza, ein großes Shopping-Center, in das ich flüchte und nach kurzer Suche entdecke ich das Paradies: Massagesessel! 2,50 Euro für zwölf Minuten? Ist doch geschenkt – im Spa Resort bezahlt man das Zehnfache! Ich ziehe die Jacke aus, schmeiß mich in einen der Stühle und die Kohle in den Schlitz, schon geht’s los. Es rackelt und rubbelt mir den Rücken hoch und runter, es knackst und ruckst herrlich und ich schließe die Augen. Irgendwann rüttelt mich jemand an der Schulter. Ich schrecke auf und blinzle schielend in das Gesicht eines Sicherheitsmannes. »Du hier nich schlafen, ja? Nich dürfen schlafen hier, gut?« Ich murmel eine Entschuldigung, krieche aus dem Sessel – bin ordentlich abgesackt – und stolpere Richtung Ausgang. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich mindestens vierzig Minuten gepennt haben muss. Wie peinlich! Hab ich geschnarcht? Hab ich gesabbert? Und vor allem: Hab ich geredet? Alle Leute scheinen mich zu beobachten. Bloß weg hier… Um 17:30 Uhr habe ich eine Einladung zum Bloggertreffen beim Fischer-Verlag. Ist zwar noch ein bisschen hin, aber ich mach mich schon mal auf den Weg. In der Südstadt finde ich einen gemütlichen Kaffeeladen, in dem ich ein paar Kapitel lese – bin jetzt bei I wie Ingrimm –, ausgeschlafen bin ich ja jetzt.

Bei Fischer treffe ich dann jede Menge bekannter Gesichter. Es gibt guten Wein, ein reiches Büffet und einen ersten Ausblick auf das kommende Frühjahrsprogramm. Einen zweiten Ausblick gibt es dann von der Dachterrasse auf die Skyline von Frankfurt in der Abenddämmerung – ein Bild für die Götter! In den Wolkenkratzern gehen langsam alle Lichter an, Helikopter schwirren am Himmel und die Wolkendecke gibt sogar noch ein paar letzte Sonnenstrahlen frei. Wunderschön! Leider ist die Zeit zu knapp, um noch länger zu bleiben, denn einen Termin habe ich noch.

Im Ratskeller nämlich feiert der Schöffling-Verlag mit einer Gruppenlesung seinen 25. Geburtstag. Mit dabei sind unter anderen Berit Glanz, Burkhard Spinnen und Jan Wilm. Der Clou der Veranstaltung: Die Autorinnen und Autoren lesen nicht aus ihren eigenen Texten, sondern aus Büchern ihrer Verlagskollegen, und zwar derer, die heute nicht anwesend sind. Es ensteht ein bunter und unterhaltsamer Querschnitt durch die Schöffling-Backlist. Aber warum ich nun ausgerechnet bei dieser Veranstaltung bin, hat einen ganz bestimmten Grund: Der Roman, der mich in den letzten Monaten am meisten verblüfft hat, ist Burkhard Spinnens RÜCKWIND – das einzige Buch, das ich extra für diesen Abend den langen Weg aus Rostock mitgebracht habe und den ganzen Tag schon mit mir herumschleppe, um es hier vom Autor signieren zu lassen. Nach der Lesung spreche ich ihn an, erzähle wer ich bin, woher ich komme und dass mir sein Buch so sehr gefällt; da sagt er doch zu mir: »Ja, weiß ich. Ich habe Ihre Rezension gelesen.« Mir fällt alles aus dem Gesicht und ich fange an rumzustottern. Der Mann ist über sechzig und seit Ewigkeiten im Geschäft; ich dachte immer, solche Größen interessieren sich nicht für Literaturblogs. Um die Verlegenheit perfekt zu machen, bedankt er sich bei mir auch noch für die Erfindung des Begriffes Ich-im-Ich-Erzähler als Beschreibung der narrativen Situation in seinem Roman, den er jetzt selbst auf seinen Lesungen benutzt. Ich falle fast in Ohnmacht, kralle mir das frisch signierte Buch und torkele zur Tür hinaus. Draußen bekomme ich wieder Luft und fange an zu grinsen; so ein Feedback hört man wahrlich nicht alle Tage. Stolz wie Bolle mach ich mich auf den Heimweg, es ist spät, ich muss ins Bett. Bis morgen…


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5 Gedanken zu “FBM19-Tagebuch | Messemittwoch

  1. Bei allen Zweifeln, die man hat, wofür man schreibt, sind es dich solche Momente, wie im letzten Absatz beschrieben, die einem motivieren, weiter zu machen.

    Viel Spaß weiterhin auf der Buchmesse und viel Glück bei der Verleihung zum Buchblogaward.

    Gefällt 2 Personen

  2. Solche Momente sind dann der Treibstoff, der einen zusätzlich auf Kurs hält und nochmal Schub verleiht. Ähnliche Momente durfte ich bereits auch auf der Messe erleben. Und gerade weil sie so selten sind, erinnert man sich selbst Jahre später noch daran. In einer Gesellschaft wo eigentlich nur jeder alles schlecht macht und keiner mehr ein gutes Wort für den anderen hat, kann so ein ehrliches Lob so viel bedeuten – und auch so gut tun.

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