Katie Hale | MEIN NAME IST MONSTER

UK 2019 | 384 Seiten
OT: »My Name is Monster«
Aus dem Englischen von Eva Kemper
Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397469-0

Wenn die Welt in Flammen steht, vergisst man leicht, dass es Eis gibt. (Seite 9)

Die Liste der Romane, die den letzten Mensch auf Erden beschreiben, ist lang. Prominentestes Beispiel ist sicher Richard Mathesons Science-Fiction-Klassiker ICH BIN LEGENDE. Im deutschsprachigen Raum waren es Herbert Rosendorfer mit GROSSES SOLO FÜR ANTON und Thomas Glavinic mit DIE ARBEIT DER NACHT, die dieses Themenfeld beackert haben. Und auch, wenn sie von der Grundidee etwas abweichen, kann man Heinz Helle mit EIGENTLICH MÜSSTEN WIR TANZEN, Thomas Lehr mit 42, Andy Weir mit DER MARSIANER und Cormac McCarthy mit DIE STRASSE dazurechnen. Der Grundgedanke ist immer derselbe: Jemand oder eine Gruppe ist allein auf einem riesigen Gebiet oder gar einem ganzen Planeten. Als Urheber dieses Gedankens gilt Daniel Defoe, der mit seinem Roman ROBINSON CRUSOE eine ganze Literaturgattung erschuf: Die Robinsonade, die somit gut dreihundert Jahre alt ist. Nun hat sich die Britin Katie Hale (*1990) an den Stoff gewagt, und die große Frage ist: Hat sie diesem vielbesprochenen Thema etwas Neues beizusteuern? Die Antwort in diesem Fall lautet … ja, hat sie.

Nagelt mich bitte nicht fest – ich kenne ja auch nicht alles –, aber gab es schon mal einen Roman, in dem der letzte Mensch der Welt eine Frau ist? Monster nämlich ist sie, die einzige Überlebende einer Pandemie – heikles Thema derzeit –, die nach einer Art Weltkrieg über die Menschheit hereinbrach und sie in kürzester Zeit auslöschte. Als Technikerin in einem Saatguttresor auf Spitzbergen hat sie, völlig abgeschnitten vom Rest der Welt, die Seuche überstanden, ist auf gut Glück mit einem kleinen Boot auf den Nordatlantik hinaus und wird an der schottischen Küste an Land gespült. Seitdem ist sie auf der großbritischen Insel unterwegs Richtung Süden, wo ihre Heimat ist, an die sie nicht nur positive Erinnerungen hat.


Als Kind war Monster eine Einzelgängerin, ungeliebt und ohne Freunde. Interessiert war sie einzig an naturwissenschaftlichen Themen, bastelte gern mit Schaltkreisen, sammelte Knochen von toten Tieren. Doch dass andere sie mieden, störte sie nicht, und auch der Spitzname Monster war für sie eher ein Geschenk, das sie gern annahm. Die selbstgewählte soziale Isolation stumpfte sie ab, machte sie hart und taff und bereitete sie bestens vor auf den einsamen Job in der arktischen Kälte.

Und auch jetzt nach der Katastrophe scheint es keine bessere Überlebende geben zu können. Andere wären an der Trauer über die getöteten Liebsten zerbrochen oder vor Kummer um das verlorene Leben umgekommen. Aber nicht Monster – sie marschiert eisern voran, immer realistisch, pragmatisch, überlebensfähig. Doch der alltägliche Trott durch die verlassene Landschaft ändert sich schlagartig, als Monster in einer vom Krieg völlig zerstörten Stadt ein lebendes Kind findet, ein Mädchen, eine weitere Überlebende. Monster nimmt das Mädchen auf, gibt ihren Namen an das Kind ab und nennt sich ab jetzt Mutter.

Etwa hier beginnt der zweite Teil des Romans. Die Ich-Perspektive wechselt von Monster auf Monster und wir lernen eine andere Stimme kennen, die heranwächst und sich komplett von der ersten unterscheidet. Die junge Monster ist eine Träumerin, eine Philosophin, die die Dinge hinterfragt und einen übermächtigen Wissensdurst verspürt. Ihr Körper und ihr Geist sind nicht nur für das pure Überleben in einer menschenleeren Welt gemacht und wir merken bald: Monster wird es allein nicht schaffen; sie ist keine Kämpferin, auch wenn Mutter ihr das immer wieder einschärft.


Katie Hale, die in England bisher erfolgreich als Lyrikerin in Erscheinung getreten ist, stellt in ihrem Debütroman viele Fragen. Wieviel Wissen können wir aus unserer frühesten Kindheit abrufen? Wie ändert sich unsere soziale Prägung in Zeiten der Katastrophe? Wie soll der Fortbestand der Menschheit gesichert sein, wenn es nur noch Frauen gibt? Braucht es am Ende gar keine Männer mehr? Oder wäre die Welt ohne den Menschen besser dran? Es ist ein neuer, frischer Blick auf ein altes literarisches Thema und Hale schafft es, ihre Leser:innen über fast vierhundert Seiten am Ball zu halten, ohne auf den völlig ausgetretenen Horror-Apokalypse-Zombie-Pfaden zu wandeln. Ein äußerst lesenswertes Buch.


978-3-10-397469-0MEIN NAME IST MONSTER ist beim S. Fischer Verlag erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Katie Hale | MEIN NAME IST MONSTER

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